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Wissenschaftliches Arbeiten : Neue Leitlinien für die Deutsche Forschungsgesellschaft

Katja Becker ist die Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) Bild: David Plas

Die Deutsche Forschungsgesellschaft hat ihren Kodex überarbeitet. Wissenschaftler sollen kontinierlich auf den neusten Stand wissenschaftlicher Praxis gebracht werden. Das könnte auch Plagiate verhindern.

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          Selbst in einem Forschungsantrag an die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) finden sich zuweilen Plagiate. So hat gerade wieder ein Wissenschaftler nicht eigens gekennzeichnete Passagen aus den Veröffentlichungen dritter übernommen und sich dafür eine schriftliche Rüge wegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens eingehandelt. Für künftige Förderanträge können solche Verstöße gegen die gute wissenschaftliche Praxis empfindliche Folgen haben. Nicht immer steckt hinter dem Vorwurf des wissenschaftlichen Fehlverhaltens, der anonym von Whistleblowern erhoben wird, auch ein tatsächlicher Verstoß.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Jedenfalls ist das einer jungen Forscherin so gegangen, die den Leibniz-Preis bekommen sollte und sich wenige Tage vor der Verleihung mit harten Vorwürfen eines Whistleblowers konfrontiert sah. Sie bekam den Preis damals nicht, bis sich die Vorwürfe gegen sie als haltlos erwiesen hatten. Heute bekäme sie den Preis, weil die Unschuldsvermutung für die Wissenschaftler in den neu überarbeiteten Leitlinien guter wissenschaftlicher Praxis gestärkt wurde. Hätte sich herausgestellt, dass sie Daten gefälscht oder plagiiert hätte, wäre der Preis entzogen worden, sagte der amtierende Präsident der DFG Peter Strohschneider am Donnerstag in Berlin.

          Als Konsequenz aus jüngsten Plagiatsfällen vor allem in Dissertationen sollen alle Wissenschaftler aller Karriereebenen ständig ihren Wissensstand zu den Standards guter wissenschaftlicher Praxis aktualisieren, so steht es im überarbeiteten Kodex der DFG, der bei der Jahrestagung in Rostock beschlossen wurde. Die Leitungen der Hochschulen und außerhochschulischen Forschungseinrichtungen werden von der DFG verpflichtet,  rechtliche und ethische Standards in der Wissenschaft einzuhalten. Mitgliedshochschulen und Mitgliedseinrichtungen der DFG sind verpflichtet, die Leitlinien rechtsverbindlich in ihre eigenen Satzungen einzuarbeiten. Sie müssen alle Ombudspersonen für Verdachtsfälle wissenschaftlichen Fehlverhaltens einrichten. Sofern sie diese nicht haben, die nicht Mitglied eines zentralen Leitungsgremiums sein dürfen, um deren Unabhängigkeit zu wahren.

          Vor allem für experimentelle Wissenschaften ist entscheidend, dass Veröffentlichungen nachvollziehbar dokumentieren, wie Ergebnisse zustande kommen. Sie sind den FAIR-Prinzipien verpflichtet (Findable, Accessible, Interoperable, Re-Usable). Die Erfindung und Verfälschung von Daten und das Plagiat sind die häufigsten Formen wissenschaftlichen Fehlverhaltens. Bis zum Nachweis des Fehlverhaltens sollen Hochschulen und Forschungseinrichtungen zur Vertraulichkeit verpflichtet werden. Wenn das Fehlverhalten so schwer war, dass ein akademischer Grad, etwa der Doktorgrad entzogen werden muss, sollen alle betroffenen Wissenschaftsorganisationen und Dritte informiert werden. Der Kodex der DFG ist mit den großen Forschungsorganisationen wie Max-Planck-Gesellschaft, Fraunhofer-Gesellschaft, Leibniz-Gemeinschaft und Helmholtz-Gemeinschaft abgestimmt.

          Allein im vergangenen Jahr wurden 33.160 Projekte mit insgesamt 1,2 Milliarden Euro Fördermitteln bewilligt. 17.100 waren Einzelanträge von Forschern. Insgesamt standen der DFG 85 Millionen Euro mehr als im Jahr 2017 zur Verfügung. In den Graduiertenkollegs, Sonderforschungsbereichen und anderen koordinierten Programmen waren es 847 Verbünde mit gut 13.828 Teilprojekte bei einer Gesamtbewilligungssumme von 1,39 Milliarden Euro. Den Löwenanteil bekamen auch 2018 die Lebenswissenschaften (1,2 Milliarden Euro), gefolgt von den Naturwissenschaften (760 Millionen), den Ingenieurwissenschaften (664 Millionen) und den Geistes- und Sozialwissenschaften (530 Millionen). Allein in den letzten zehn Jahren ist das Förderbudget der DFG um rund eine Milliarde Euro gewachsen.

          Durch den Pakt für Forschung und Innovation, den Bund und Länder beschlossen haben, ist die Steigerung des Budgets der DFG wie bei den außeruniversitären Forschungseinrichtungen um 3 Prozent im Jahr für zehn Jahre gesichert. Diese auf der Welt einzigartige „finanzielle Planungssicherheit versetzt die DFG weiter in die Lage, hochkarätige Forschungsprojekte und große, mehrjährige Förderprogramme zu finanzieren“, sagte Strohschneider. Durch mehrere Satzungsänderungen hat die DFG die Richtlinienkompetenz des amtierenden Präsidenten gestärkt und seine Amtszeit auf zwei Perioden begrenzt. Als Nachfolgerin von Peter Strohschneider hat sie in Rostock die Gießener Humanmedizinerin und Biochemikerin Antje Becker gewählt, die das hessische Zentrum zur Erforschung vernachlässigter Tropenkrankheiten leitet. Sie ist seit 2014 Vizepräsidentin der DFG.

          Als Konsequenz aus dem Dauerkonflikt mit der früheren Generalsekretärin der DFG Dorothee Dzwonnek, der im vergangenen Jahr ihr Ausscheiden nahegelegt wurde, hat die DFG die Amtszeit des Generalsekretärs auf acht Jahre begrenzt, eine Wiederberufung für weitere acht Jahre ist möglich. Der Dialog mit der Öffentlichkeit, so Strohschneider, dürfe künftig nicht den Dialog mit den Mitgliedern ersetzen und schon gar nicht durch „Insultationen“ begleitet sein, so sein vielsagender Satz, der auf einige dicke Luft zwischen Mitgliedshochschulen und DFG aber auch Konflikte auf der Leitungsebene schließen lässt.

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