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Cyber-Waffen statt Panzer : Der virtuelle Krieg

Am Wappen sollt ihr sie erkennen: Ein Soldat des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr in Euskirchen Bild: dpa

Virtuelle Angriffe gewinnen laut Bundesnachrichtendienst an Bedeutung. Darauf stellt sich auch die Bundeswehr ein.

          Die Bundeswehr sieht sich, seit der Afghanistan-Einsatz nicht mehr die volle Aufmerksamkeit aller erfordert, zwei konträren Herausforderungen gegenüber, die aber durchaus eine gemeinsame Quelle haben. Zum einen sind durch die russische Aggressionspolitik und das daraus folgende Sicherheitsbedürfnis der östlichen Nato-Partnerländer die Fähigkeiten zu klassischer Bündnisverteidigung wieder gefragt. Doch neben dieser Renaissance von Heeresübungen und Panzergefechten gewinnt der virtuelle Krieg in Datennetzen und Computern immer mehr Bedeutung. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen widmete bei den Inspektionsbesuchen ihrer Sommerreise den Cyber-Kriegern der Bundeswehr viel Aufmerksamkeit.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Auch der Bundesnachrichtendienst hat jetzt eine Einschätzung veröffentlicht, welche der Frage nachgeht, ob Cyber-Waffen in absehbarer Zeit wohl konventionelle Wehrtechnik ersetzen könnten. Die Analysten des deutschen Auslandsgeheimdienstes kommen dabei zu dem Schluss, dass die Grundsätze kriegerischer Auseinandersetzungen auch in Zukunft weiter gelten werden: wer über die besseren militärischen Fähigkeiten verfüge, der werde auch künftig militärische Konflikte für sich entscheiden können, vorausgesetzt, die betreffende Macht setze ihre Fähigkeiten taktisch geschickt ein.

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          Die virtuellen Angriffe auf Datenspeicher oder Datennetze sehen die BND-Fachleute vor allem am Anfang oder in der Vorbereitung eines militärischen Konflikts als wirksam und gefährlich an. Sie argumentieren, dass zwar auch konventionelle Waffentechnik, also Panzer oder Flugzeuge, immer stärker von Computern gesteuert werde – also anfällig sei für Attacken von virtuellen Angreifern. Doch würden diese militärischen Datennetze üblicherweise mit aufwendigen Schutzwällen gesichert, so dass sich Cyber-Attacken gegnerischer Mächte eher auf Ziele der zivilen Infrastruktur richteten, welche, wenn sie gestört oder zerstört würden, die militärischen Aktivitäten behindern oder verhindern könnten.

          Daraus ergibt sich, dass solche Angriffe vor allem in der Aufmarschphase vor einer militärischen Auseinandersetzung erwartet werden müssen. Schon die inzwischen Routine gewordenen Auslandseinsätze der Bundeswehr (etwa der Abzug aus Afghanistan, die Verlegungen von Pionieren und Ausbildern auf dem Luftweg nach Mali, die Verschiffung von Luftabwehrraketen in die Türkei) zeigen, in welch hohem Maß die militärischen Einheiten gerade am Anfang und am Ende ihres Auftrages auf zivile Unterstützungsleistungen angewiesen sind: auf funktionierende Transport- und Kommunikationsmittel, auf funktionsfähige Flughäfen, stabile Energieversorgung und zuverlässige Kommunikationsstränge.

          Welche Wirkungen Cyber-Waffen in diesem Kontext entfalten können, das lernen Militärs anhand der bisher registrierten größeren Attacken. Bekannt sind vor allem die Angriffe auf Estland (2008) und Georgien (2008), die allgemein russischen Urhebern zugeschrieben werden. Bei den Manipulationen des georgischen Datenverkehrs, die sich während der kriegerischen Auseinandersetzung mit Russland ereigneten, verlor die georgische Seite zeitweise die Herrschaft über das Internet; die betreffenden Datenverkehre wurden auf russische Rechner umgelenkt.

          Dadurch, dass sich zu erwartende virtuelle Angriffe nicht allein gegen militärische Ziele richten, muss die Cyber-Verteidigung ebenfalls über das Militärische hinaus organisiert werden. Die zentrale Abwehreinrichtung der Bundeswehr, das Computer Emergency Response Team (CERT) in Euskirchen bei Köln, war vor kurzem Ziel eines Informationsbesuches der deutschen Verteidigungsministerin. Dort betreuen rund 60 Fachleute die mehr als 200000 Rechner der Bundeswehr, versuchen deren Schwachstellen zu erkennen und schädliche Software zu entdecken. Das CERT der Bundeswehr arbeitet eng mit den ähnlichen Abwehrzentren des Bundesinnenministeriums und des Bundesamtes für IT-Sicherheit zusammen, welche nicht nur die Datennetze der Bundesverwaltung überwachen, sondern auch Informationen über Risiken und mögliche Angriffe auf Netze sogenannter „kritischer Infrastrukturen“ weiterleiten und entsprechende Warnhinweise veröffentlichen.

          Zu den Cyber-Kräften der Bundeswehr gehören auch die rund 50 Fachleute des IT-Betriebszentrums der Streitkräfte in Rheinbach und die IT-Abteilung des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) in Köln. Dessen Spezialisten haben den Auftrag, Spionageangriffe im Netz, die gegen die Bundeswehr gerichtet sind, abzuwehren und aufzuklären und auf mögliche terroristische Aggressionen in der Cyber-Welt zu achten.

          Wie die zivilen Aktivitäten haben auch die militärischen Aktionen in der virtuellen Welt vor allem die Abwehr fremder Angriffe zum Ziel. So handhabt es auch der entsprechende Think-Tank der Nato, der im estnischen Tallinn jährlich eine große Abwehrübung eines möglichen Cyber-Angriffs veranstaltet, zu der alle Nato-Mitgliedstaaten eingeladen sind. Die Bundeswehr hat unterdessen aber auch eine Dienststelle, die „aktive Wirkung“, also Angriffe in der Cyber-Welt vorbereitet und übt. Sie trägt den unscheinbar-umständlichen Titel „Computer-Netzwerk-Operationen“ und ist im Kommando Strategische Aufklärung der Bundeswehr angesiedelt. Dort simulieren rund 60 Fachleute Angriffe auf fremde Infrastruktur-Netzwerke oder andere Datennetze. Die offizielle Bundeswehr-Information gibt an, die Dienststelle handele „im Rahmen ihres verfassungsgemäßen Auftrages in der Landes- oder Bündnisverteidigung oder aufgrund eines Bundestagsmandats für einen militärischen Einsatz der Streitkräfte“.

          Nach Angaben des Bundesnachrichtendienstes hat die Rüstungsindustrie bislang vor allem Programme und Instrumente für die Abwehr von Cyber-Angriffen entwickelt, „ganzheitliche offensive Produkte“ seien bislang noch nicht zur Marktreife gelangt. Die Militärdoktrinen und strategischen Grundlagendokumente der Vereinigten Staaten, Russlands und Chinas befassten sich schon mit der neuen Bedrohung durch Cyber-Waffen; auch das neue Weißbuch der Bundesregierung, welches im nächsten Jahr vorliegen soll, wird sich dem Szenario von virtuellen Kampfhandlungen widmen.

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