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Corona-Demos in Berlin : Größenwahn und Gewaltphantasien einer Minderheit

Demonstranten gegen die Corona-Politik am Samstag vor dem Reichstag Bild: Reuters

Die Bilder aus Berlin am Samstag waren nicht schön. Doch von einem breiten Protest gegen die Corona-Politik ist nichts zu sehen. Vielleicht sollte man das Spektakel achselzuckend zur Kenntnis nehmen und sich den wirklichen Problemen widmen.

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          Es sind keine schönen Bilder, die am Samstag von Berlin aus um die Welt gingen: Protestkundgebungen wurden aufgelöst, Demonstranten von Polizisten abgeführt. Doch wenn sie ihnen dabei Mund und Nase zuhielten, dann zur Eigensicherung. Es reicht, wenn sich die Protestler wechselseitig mit dem neuartigen Coronavirus anstecken. Das wird Bösgläubige nicht daran hindern, die Szenen auf den Straßen rund um den Reichstag und das Brandenburger Tor zum Ausweis allgegenwärtiger staatlicher Repression und einer allzeit gewaltbereiten Polizei zu nehmen.

          Doch nicht die Sicherheitskräfte haben ein Problem. Die Bilder halten in erster Linie das fest, was in der Sprache der Soziologie als performativer Selbstwiderspruch daherkommt: Bürger erstreiten mit den Mitteln des Rechtsstaats, von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machen zu können, um sich als Ausweis höherer Moral in ihrem Tun und Lassen um diesen Rechtsstaat nicht zu scheren.

          Das alles wäre eher eine Posse, usurpierte dieser Kessel Buntes aus Spiritisten, Impfgegnern und Rechtsextremisten nicht den öffentlichen Raum dort, wo sie ihre wirren Phantasien vor Symbolen deutscher Staatlichkeit ausleben können. Doch der Reichstag, die Siegessäule und auch das Brandenburger Tor stehen ebenso so sehr für die Abgründe deutscher Geschichte wie für deren Größe.

          All dies wird auch in Zukunft nicht verhindern können, dass sie als Kulissen, wenn nicht als Projektionsflächen von Größenwahn („Wir sind das Volk“) und Gewaltphantasien („Widerstand“) einer verschwindenden Minderheit herhalten müssen. Doch auch das sagen die Bilder des vergangenen Wochenendes: Im fünften Monat nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie ist von einer breiten und lautstarken Protestbewegung gegen die Politik von Bund und Ländern weit und breit nichts zu sehen.

          Vielleicht sollte man das Spektakel in Berlin achselzuckend zur Kenntnis nehmen und sich den wirklichen Problemen widmen, die das Virus noch auf lange Zeit mit sich bringen wird. Leichtsinn im Alltag ist gefährlicher als Politfolklore am Wochenende.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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