https://www.faz.net/-gpf-6yo13

Die Antrittsrede : Mutmacher Gauck

Der neue Bundespräsident will den Deutschen bewusst machen, welches Glück ihnen beschieden ist – und wie leicht es zerbrechen kann, wenn man es nicht pflegt und verteidigt.

          1 Min.

          Man kann die Antrittsrede des neuen Bundespräsidenten vorwärts und rückwärts lesen, immer wird ein Aufruf daraus: Habt Mut! Gauck machte gleich nach seiner Vereidigung deutlich, dass er auch im höchsten Staatsamt ein Mutmacher bleiben will. Er stritt nicht ab, dass es Anlässe für die sprichwörtlich gewordene „German Angst“ gibt. Doch stellt er dem Zagen und Zweifeln die Gründe entgegen, die zu einem gesunden deutschen Selbstbewusstsein berechtigen: das „Demokratiewunder“ nach dem Krieg, die Entscheidung für Europa, die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, die friedliche Wiedervereinigung.

          Gauck selbst brachte den Mut auf, nicht nur von Schuld und Schatten zu reden, sondern vor allem von den „kostbaren Gütern“ der deutschen Nachkriegsgeschichte. Um erst gar nicht die Angst aufkommen zu lassen, er rede einem Revisionismus der Erinnerungskultur das Wort, subsumierte Gauck sein Anliegen unter dem Begriff „Paradigmenergänzung“. Da konnten im weiten Rund des Reichstages alle wieder entspannt ausatmen.

          Entgegen kam das neue Staatsoberhaupt seinem Publikum auch mit dem Satz, Freiheit und (soziale) Gerechtigkeit bedingten sich gegenseitig. Seine Distanzierung von paternalistischer Fürsorgepolitik wird den vielen erklärten und unerklärten Fürsprechern derselben aber nicht schmecken. Gauck, das zeigt auch sein Anknüpfen an Wulffs Hauptthema Integration, ist sich bewusst, dass er von nun an für einen ganzen Staat steht und redet. Doch seine persönlichen Überzeugungen verheimlicht er dabei nicht. Über das Selbstvertrauen, das er den Deutschen anempfiehlt und abverlangt, verfügt er. Nicht viele ziehen in diesen Zeiten mit dem vermutlich nicht zufällig an ein Brandt-Motto erinnernden Satz durchs Land: Wir wollen mehr Europa wagen - und dabei nicht den „Lebensatem der Solidarität“ vergessen.

          Aus Gauck spricht, vielleicht zum letzten Mal, die Generation, die aus eigenem Erleben ermessen kann, wie ungeheuer wertvoll ist, was heutzutage als deutsche und europäische Normalität betrachtet wird: Freiheit, Frieden und weitverbreiteter Wohlstand. Gauck will den Deutschen wieder bewusst machen, welches Glück ihnen im historischen (Selbst-)Vergleich beschieden ist - und wie leicht dieses Glück zerbrechen kann, wenn man es nicht pflegt und verteidigt. Er allein kann es nicht festhalten, auch wenn einige nicht weniger als das von ihm erwarten mögen.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Weitere Themen

          Huawei-Managerin Meng wieder auf freien Fuß

          Spannungen mit Kanada : Huawei-Managerin Meng wieder auf freien Fuß

          Ihr Fall hat zu großen Spannungen zwischen Kanada und China geführt. Nun erzielte die Huawei-Managerin Meng Wanzhou eine Einigung mit der US-Justiz und kann in ihre Heimat zurückkehren. Auch zwei in China inhaftierte Kanadier sind auf dem Heimweg.

          Topmeldungen

          Josephin Kampmann, Gesundheits- und Krankenpflegerin, steht in einem Zimmer der Corona-Intensivstation des Universitätsklinikums Essen und bereitet eine Infusion vor.

          Corona-Pandemie : Sieben-Tage-Inzidenz sinkt auf 60,6

          Das Robert Koch-Institut hat seit dem Vortag 7211 Corona-Neuinfektionen registriert. Tendenziell gehen die Infektionszahlen seit rund zwei Wochen zurück. In den USA müssen Staatsbedienstete nun bis Dezember geimpft sein.
          Bryson DeChambeau vom Team USA am 15. Loch des 43. Ryder Cup.

          43. Ryder Cup : US-Golfstars gegen Europa klar in Führung

          Die Titelverteidiger aus Europa geraten beim Ryder Cup in den USA schon am ersten Tag klar in Rückstand. Bei den US-Golfstars beeindruckt Kraftprotz Bryson DeChambeau mit seinen gewaltigen Abschlägen.
          Sorgt für diplomatischen Streit: Meng Wanzhou im August in Vancouver

          Spannungen mit Kanada : Huawei-Managerin Meng wieder auf freien Fuß

          Ihr Fall hat zu großen Spannungen zwischen Kanada und China geführt. Nun erzielte die Huawei-Managerin Meng Wanzhou eine Einigung mit der US-Justiz und kann in ihre Heimat zurückkehren. Auch zwei in China inhaftierte Kanadier sind auf dem Heimweg.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.