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AfD : Die Partei der Dilettanten

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Landesparteitag der AfD Baden-Württemberg: Alexander Gauland (r.) und Alice Weidel (l.), die Spitzenkandidaten der AfD für die Bundestagswahl, mit Helena Winkler vom AfD Kreisverband Karlsruhe Stadt Bild: dpa

Sind AfD-Politiker wirklich Meister der Manipulation? Die Partei hat keine Charismatiker in ihren Reihen – und macht vier Jahre nach ihrer Gründung noch viele handwerkliche Fehler. Doch die Unorganisiertheit ist Programm.

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          Über AfD-Politiker wird oft wie über große Verführer gesprochen. Ausgerechnet jene nämlich, die Rechtspopulisten für kritikwürdig halten, unterstellen ihnen die handwerkliche Qualität, Meister der Manipulation zu sein. Eigentlich ist das ein ulkiger Gedanke; als könne etwas, das besonders gefährlich sein soll, keine geringfügige oder banale Ursache haben. Der typische AfD-Funktionär wäre in dieser Sicht kein schlichter Bürger, der bei Gelegenheit in Mikrofone ruft, was er über Muslime denkt. Ihm muss ein Charisma oder mindestens eine an Zauberei erinnernde Sogwirkung unterstellt werden. Es ist die Art, wie Menschen im Allgemeinen über Dinge sprechen, die ihnen Angst machen. Die Klauen des Seeungeheuers wachsen in der Erinnerung ebenso wie die verschwörerische Brillanz des politischen Gegners. Das Ergebnis ist eine Situation, in der AfD-Kritiker den Mythos erst schaffen, wegen dessen Wirkung sie sich dann sorgen.

          Während überall in der Öffentlichkeit darüber diskutiert wird, was für und gegen die AfD spricht, geht eine Erkenntnis unter: Die Partei hat keine echten Charismatiker in ihren Reihen. Und noch eine: Ihr Wille zur Selbstbeschädigung und zum handwerklichen Dilettantismus ist seit Jahren unverändert stark.

          Auch wenn Äußerungen über die AfD immer unter Ideologieverdacht stehen, so ist dies eigentlich neutraler Boden. Es ist nichts Rechtsradikales an den handwerklichen Defiziten der AfD; die gibt es aus Sicht von Freunden und Gegnern der Partei. Selbst glühende AfD-Anhänger müssen zugeben, dass eine Bestandsaufnahme der vergangenen Wochen nicht viel zutage fördert, was sie verteidigen wollten oder könnten.

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          In Sachsen zum Beispiel versuchten etliche Mitglieder ihrer Bundesvorsitzenden Frauke Petry die Direktkandidatur zu entziehen – rund zwei Monate vor der Bundestagswahl. Dem dortigen Generalsekretär war das nicht zu Unrecht „peinlich“, es kam aber noch schlimmer. Petrys Mann, der nordrhein-westfälische Landesvorsitzende Marcus Pretzell, bezeichnete die Parteirebellen als „18 Hirntote und ein Steroidopfer. Das schrumpft halt nicht nur die Hoden, sondern auch das Hirn.“ Auf Kritik antwortete er mit den Sätzen „Heult leise“ und „Schwächlinge ekeln mich“. Auf den Vorwurf, Pretzells Verhalten sei unanständig, antwortete Petry, ihre Gegner sollten ihre angebliche „Anständigkeit“ doch lieber in einer anderen Partei praktizieren. Was für ein Ton. In der Normalwelt, in der Vorsitzende an ihrer Fähigkeit gemessen werden, Einigkeit zu erzeugen, würde Petry nicht zu den Raffiniertesten zählen. Auch sonst sucht man in der AfD vergeblich nach kongenialen Demagogen, die in der Lage wären, ihre Anhänger und das Volk zu verzaubern.

          Grabenkampf um Inhalte oder politische Seifenopfer?

          In Niedersachsen erfährt der Landesvorsitzende von einem Journalisten, dass seine Partei bei der Landeswahlleiterin noch nicht einmal die notwendigen Unterlagen eingereicht hat, um an der Bundestagswahl teilzunehmen. Im Saarland erklärt das Oberlandesgericht die dortige AfD-Wahlliste für nichtig. In Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt versuchen Parteimitglieder ihre eigenen Landeslisten juristisch anzufechten. Eine gewisse Häme hat die Partei sich schon verdient. Sollte es ihr gelingen, im September in allen Ländern auf dem Wahlzettel zu stehen, wäre von einem Erfolg zu reden.

          Die Tendenz zum Dilettantismus in der AfD ist auch deshalb ein Faszinosum, weil sie seit der Gründungsphase nicht an Stärke verloren hat. Abgesehen von der Radikalismusdebatte, strauchelt die Partei auch dann, wenn es nur darum geht, ohne bösartige Intrigen einen Bundestagswahlkampf zu bestreiten und dabei gesetzeskonforme Aufstellungsversammlungen abzuhalten. Die Frage lautet: Warum fällt ihr das so schwer?

          Das Argument, das geringe Alter der Partei erkläre alles, ist schon grau und verwittert, so oft wurde es seit 2013 verwendet. Von einer Partei, die in 14 Parlamenten vertreten ist, könnte man mehr erwarten. Dass sich zum Beispiel etliche Vertreter der Parteiführung gegenseitig hassen, war lange Zeit eine aufregende Sache. Es schien um Großes zu gehen, um einen Konflikt zwischen Rechtsradikalismus und Resten einer auf Werten ruhenden Bürgerlichkeit. Gilt das noch? Eher entlarvt sich selbst der schönste Grabenkampf irgendwann als politische Seifenoper.

          Man muss den Grund wohl eher in der Kollektivpsyche der AfD suchen. Die Parteimitgliedschaft bedeutet für viele, eine Ablehnung moralischer Tabus zu dokumentieren, etwa was Ressentiments anbelangt. Solche Leute werden in parteiinternen Konflikten nicht damit anfangen, Grenzen zu akzeptieren – Stichwort: „Steroidopfer“. Eigentlich ist das ein unlösbares Dilemma. Gelänge es der AfD, aus Querulanten brave Kadetten zu machen, entstünde ein Problem an anderer Stelle. Die Partei gäbe ihr Versprechen von Tabufreiheit auf und verlöre damit an Anziehungskraft. Die Unorganisiertheit präsentiert sich an vielen Stellen also wie das Symptom eines Menschenbildes. Schmerzhaft würde es für die AfD-Anhänger dann, wenn man die Raffinesse dieses Menschenbildes am Beispiel der gelebten Parteikultur beurteilen würde. Nach dem Motto: So was kommt von so was.

          Justus Bender
          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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