https://www.faz.net/-gpf-7294d

Diagnose “Down-Syndrom“ : Ein Todesurteil

Menetekel? Der Praena-Test Bild: dpa

Die Diagnose Down-Syndrom ist längst in mehr als neunzig Prozent der Fälle ein Todesurteil. Wer in dem „Praenatest“ ein „Menetekel“ sieht, ist daher ziemlich spät dran.

          1 Min.

          Zu den wenigen Fortschritten der Reform des Abtreibungsrechts, die der Bundestag Mitte der neunziger Jahre nach langwierigen Beratungen beschloss, gehörte der Wegfall der sogenannten embryopathischen Indikation. War es bis dahin fraglos möglich, einen Embryo innerhalb der ersten zwölf Schwangerschaftswochen alleine deswegen im Mutterleib zu töten, weil er mutmaßlich missgebildet war, so sollte nach der Reform die Abtreibung eines mutmaßlich gesundheitlich geschädigten Kindes nur dann nicht rechtswidrig sein, wenn von ihm eine Gefahr für das Leben oder die Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung des körperlichen und seelischen Gesundheitszustandes der Schwangeren ausginge und diese Gefahr nicht auf andere zumutbare Weise abgewendet werden könne.

          Wunsch und Wirklichkeit der sogenannten „medizinischen Indikation“ klaffen indes von Jahr zu Jahr weiter auseinander. Schon aus haftungsrechtlichen Gründen unterlässt es kaum ein Frauenarzt, einer Schwangeren jedes erdenkliche Verfahren anzuempfehlen, mit dem eine mögliche Behinderung frühzeitig erkannt werden kann, je eher desto besser.

          Die erfahrungsgesättigte Logik der gezielten Suche nach Gendefekten ist bestechend: Je eher eine Missbildung oder eine Krankheitsanlage diagnostiziert wird, desto früher kann der Embryo abgetrieben werden. Dass das eine aus dem anderen folgt, ist statistisch hinreichend belegt. Die Diagnose Trisomie 21 (“Down-Syndrom“) ist längst in mehr als neunzig Prozent der Fälle ein Todesurteil.

          Wer in dem „Praenatest“ zur Diagnose von Trisomie 21 ein „Menetekel“ sieht, ist daher ziemlich spät dran. In einer Gesellschaft, in der schon lange der Satz zu hören ist, man müsse heutzutage doch keine behinderten Kinder mehr bekommen, werden viele diesen Test begrüßen, da er die Risiken invasiver Verfahren für die Schwangere wie für das Ungeborene vermeidet.

          Für jene aber, die sich jeder Art von Selektionslogik verweigern, kann der Praenatest nicht Segen, sondern nur Fluch sein, dem man sich verweigern muss. Dazu aber gehört von Jahr zu Jahr mehr Mut. Zwar sind die meisten Behinderungen nicht genetisch bedingt. Doch verschwindet mit den „Down-Kindern“ nicht nur die unbändige Fröhlichkeit, die die meisten von ihnen ausstrahlen. Mit ihnen verlieren wir auch den Sinn für das Leben als Geschenk.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Italiens Regierungschef Conte zurückgetreten Video-Seite öffnen

          Zersplitterte Koalition : Italiens Regierungschef Conte zurückgetreten

          Italiens Regierungschef Giuseppe Conte ist zurückgetreten. Staatschef Sergio Mattarella nahm das Rücktrittsgesuch an. Der parteilose Conte will eine neue Regierung bilden, nachdem seine Mitte-Links-Koalition kürzlich auseinanderfiel.

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson am 25. Januar in London mit einer Dosis des Corona-Impfstoffs von Astra-Zeneca

          Großbritannien und die EU : Auch ein Impfstoff kann Beziehungen vergiften

          Großbritannien fasst Überlegungen der EU, die Impfstoff-Ausfuhr zu kontrollieren, als Drohung auf – und als Bestrafung für Lieferprobleme von Astra-Zeneca. Diese könnten auch mit dem niedrigen Preis zusammenhängen.
          Schaulustige filmen in der niederländischen Stadt Haarlem mit Handys brennende Gegenstände, die Randalierer am 26. Januar in Brand gesetzt haben.

          Gewalt in den Niederlanden : Party machen und plündern

          Die gewaltsamen Ausschreitungen in den Niederlanden reißen nicht ab. Die Polizei braucht lange, um die Situation unter Kontrolle zu bringen. Unter die Randalierer haben sich auch Teenager gemischt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.