https://www.faz.net/-gpf-9bcpa

Deutschtürkische Wähler : „Die deutschen Berichte zu Erdogan sind eine Frechheit“

Wähler stehen am 7. Juni in Frankfurt im Zugangsbereich zum Wahlzelt auf dem Gelände des türkischen Generalkonsulats an der Sicherheitskontrolle an. Bild: dpa

Am Sonntag wählen die Türken ein neues Parlament – und vielleicht einen neuen Präsidenten. In Deutschland lebende Wahlberechtigte haben schon abgestimmt. FAZ.NET haben sie erzählt, für wen und warum.

          7 Min.

          Murat Günes, 41, AKP-Wähler, Maler und Lackierer, lebt in Gummersbach bei Köln

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Aylin Güler

          Redakteurin für Social Media.

          Selbstverständlich habe ich Recep Tayyip Erdogan als Präsidentschaftskandidaten gewählt und seine AKP als Partei. Ich stehe hinter Erdogan und wähle ihn, obwohl ich Kurde bin. Meine Eltern kommen aus Malatya, da leben mehrheitlich Kurden. Da hat Erdogan 79 Prozent beim Referendum vom vergangenen Jahr bekommen. Ich weiß nicht, warum die westlichen Medien nie davon berichten, dass es Städte gibt, wo mehrheitlich Kurden leben, die aber Erdogan unterstützen. Nichts gegen die F.A.Z., aber ich glaube keiner westlichen Zeitung. Deren Berichterstattung zu Erdogan ist eine bodenlose Frechheit.

          Erdogan hat uns Kurden ermöglicht, in der Öffentlichkeit unsere Sprache zu sprechen. Das war bis vor zehn Jahren nicht so. Mein Vater musste vor Erdogans Zeit mal einen Bus verlassen, weil er Kurdisch geredet hat. Dass Erdogan die Kurden jagen würde, ist schlicht gelogen. Er geht nicht einmal gegen die kurdische Partei HDP vor, sondern nur gegen die Terrororganisation PKK – und das will auch das Volk, das ihn demokratisch gewählt hat. Im Gegensatz zum Beispiel zu Angela Merkel, die von Abgeordneten gewählt wurde. Ja gut, der HDP-Vorsitzende Selahattin Demirtas sitzt im Gefängnis, aber der hat sich auch mit PKK-Kämpfern ablichten lassen.

          Die Wirtschaft in der Türkei blüht dank Erdogan, wir haben die wenigsten Schulden von allen Ländern. Gerade gibt es Berichte über Inflation, aber das ist normal vor den Wahlen. Wahlen schrecken Investoren ab, das ist in allen Ländern so. Wissenschaftler sagen voraus, dass es wieder besser wird. Die Inflation ist auch gar nicht so hoch, wie oft behauptet. Das sind alles Lügen der westlichen Medien: eine bodenlose Frechheit. Aber je mehr Mist in der Presse steht über Erdogan, umso mehr sagen wir: jetzt erst recht!

          Murat Günes ist Kurde und Erdogan-Fan.

          Ich habe nur den türkischen Pass, kann also bei deutschen Wahlen nicht mitmachen. Das würde ich aber auch gar nicht wollen. Ich würde meine Stimme an keine der deutschen Parteien geben. Wer jeden Tag gegen die Türkei schießt, kriegt keine Stimme von mir, das ist ja nur logisch! Die Türken haben früher immer SPD gewählt, dann Grüne. Aber das kommt alles nicht mehr infrage.

          Deswegen werden immer mehr kleine Parteien gegründet. Ich habe mit Freunden zum Beispiel die Allianz Deutscher Demokraten gegründet. Im Ruhrgebiet haben 40.000 Menschen die ADD gewählt. In Berlin haben viele Deutschtürken die BIG-Partei gewählt, eine andere Migrantenpartei.

          Die Deutschen reden immer so viel über die Festnahmen in der Türkei. Aber niemand wird ohne Grund eingesperrt! Bei Peter Steudtner, diesem Menschenrechtler, wurde doch nachgewiesen, dass er Propaganda gemacht hat für die Kurden. Deniz Yücel genauso! Obwohl er selbst Türke ist – für mich ist er kein Deutscher, auch wenn er einen deutschen Pass hat. Ich weiß gar nicht, warum es dieses Theater um den gab, der hat doch Deutschland den Untergang gewünscht. Natürlich ist ein Gefängnisaufenthalt nicht schön. Aber in der Türkei wird niemand gefoltert.

          Baran Celik (Nachname geändert), 27, HDP-Unterstützer, Angestellter im Finanzwesen, wohnt in Karlsruhe

          Weitere Themen

          Morales hofft auf vierte Amtszeit Video-Seite öffnen

          Bolivien : Morales hofft auf vierte Amtszeit

          Am Rande einer Wahlkampfkundgebung mit dem linksgerichteten Präsidenten Evo Morales gab es auch Proteste und gewaltsame Auseinandersetzungen.

          Topmeldungen

          Donald Trump und Liu He, Vizepremier von China, gemeinsam in Washington. Infolge des Handelskriegs mit Amerika habe die Korruption in Chinas Privatwirtschaft wieder zugenommen, berichtet Philipp Senff von der Wirtschaftsanwaltskanzlei CMS in Schanghai.

          Vorfälle der Deutschen Bank : In China lauert die Korruption bis heute

          Mit teuren Geschenken an chinesische Politiker wollte sich die Deutsche Bank Vorteile verschaffen. Der Fall lenkt den Blick auf ein Land, das trotz Mühen immer noch unter Bestechung leidet – auch wegen des Handelskriegs mit Amerika.
          Andreas Scheuer am Mittwoch in Berlin

          Verkehrsminister Scheuer : Im Porsche durch die Politik

          Verkehrsminister Andreas Scheuer hat einen Vorteil, der ihm beim Streit über die Pkw-Maut zum Nachteil gereichen könnte: eine gewisse Lockerheit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.