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Deutschtürken in der Union : Einig wertkonservativ

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Von den etwa 2,7 Millionen Türken in Deutschland sind 700.000 wahlberechtigt Bild: dpa

Ein Prozent aller wahlberechtigten Deutschen sind türkischstämmig. Bisher erschienen diese Wähler vielen in der Union als unwichtiges Klientel: Es sind zu wenig, und die wählen ohnehin alle SPD. Doch passt die religiös-konservative Grundeinstellung der Deutschtürken eigentlich viel besser zur CDU.

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          Dass nur 0,1 Prozentpunkte im Wahlergebnis über Sturz oder Halt eines Ministerpräsidenten entscheiden können, lernt die CDU soeben in Hessen. Den Deutschtürken in der CDU gibt diese Erfahrung Hoffnung. „Spätestens jetzt muss meine Partei begreifen, dass die türkischstämmigen Wähler wichtig sind für die Zukunft des Regierens“, sagt Bülent Arslan, der das Deutsch-Türkische Forum (DTF) in der CDU leitet. Bisher erschienen die türkischstämmigen Wähler vielen Wahlkampfstrategen der Union als unwichtiges Klientel: Es sind zu wenig, dachte man, und die wählen ohnehin alle SPD.

          Soweit das Wahlverhalten der wahlberechtigten Deutschtürken statistisch nachgewiesen werden kann, stimmt diese Vermutung sogar: Nur etwa ein Prozent aller wahlberechtigten Staatsbürger sind Deutschtürken; und von ihnen wählen keine zehn Prozent die Union. „Allerdings gibt es wenige verlässliche Studien über die politische Einstellung der türkischstämmigen Deutschen“, sagt Viola Neu, die für die Konrad-Adenauer-Stiftung die Wahl- und Parteienforschung koordiniert. Schon die Annahme, dass von den etwa 2,7 Millionen Türken in Deutschland eine Million eingebürgert und davon wiederum 700.000 wahlberechtigt seien, könne empirisch nicht exakt belegt werden. Denn es würde nur die Zahl der Einbürgerungen erfasst, nicht aber die Todesfälle innerhalb dieser Gruppe.

          „Das ist kein sozialdemokratisches Milieu“

          Dennoch wird davon ausgegangen, dass ein gutes Prozent aller 61,8 Millionen wahlberechtigten Deutschen (Stand: 2005) türkischstämmig sind. Eine Wahlstudie der Adenauer-Stiftung kam zu dem Ergebnis, dass der knappe Ausgang der Bundestagswahl 2002 letztlich von den Deutschtürken entschieden wurde – zugunsten der SPD. „Das ist deshalb besonders ärgerlich“, sagt Arslan, „weil gewiss die Hälfte der Deutschtürken von ihrer Grundeinstellung her eigentlich eindeutige CDU-Wähler wären.“ Aber es gibt nur 800 türkische CDU-Miglieder und mutmaßlich weitere 1200 bis 2000 türkischstämmige.

          Bülent Arslan: „Die türkischstämmigen Wähler wichtig sind für die Zukunft des Regierens”

          Der Leverkusener Volkswirt Arslan, 1975 im anatolischen Nevsehir geboren und in Deutschland aufgewachsen, ist CDU-Vorstandsmitglied in Nordrhein-Westfalen. Als Arbeiterkind – der Vater arbeitet in einer Gießerei und ist ebenfalls CDU-Mitglied – glaubt er die politische Haltung vieler durchschnittlicher Einwandererfamilien, wie er auch seine eigne bezeichnet, gut zu kennen. „Das ist kein sozialdemokratisches Milieu. Das sind religiös-konservativ geprägte Familien, deren Grundeinstellung viel besser zur CDU als zur SPD passt.“

          Latente Unions-Nähe der Türken

          Doch hier liegt das Problem: Türkischer und deutscher Konservatismus finden offenbar wesentlich schwerer zueinander als türkische und deutsche Linke. Die konservativen Einwanderer aus der Türkei sind gerade oft jene, die konservativen Deutschen als Beispiel dienen, wie wenig die Integration doch gelinge: gläubige Moscheegänger, deren Frauen Kopftuch tragen und schlecht Deutsch sprechen. Aber Arslan sieht die konservativen Werte als verbindend. „Die wertkonservativen Haltungen sind oft dieselben: klassisches Familienbild, Skepsis gegenüber gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, Wunsch nach einem starken Staat und innerer Sicherheit“, sagt er. Auch der unbedingte Wille zum sozialen Aufstieg verbinde – selbst die fromme religiöse Einstellung. Schließlich seien Islam und Christentum beides monotheistische Religionen. „Wir Muslime fühlen uns auch in einer christlich geprägten Partei aufgehoben, solange sie uns nicht ausgrenzt.“

          Arslans Eindruck von latenter Unions-Nähe der Türken wird sogar bei der SPD geteilt. „Die türkischen Wähler in meinem Nürnberger Wahlkreis loben die CSU stets, weil sie doch hart durchgreife“, sagt Günter Gloser, SPD-Bundestagsabgeordneter und Staatsminister im Auswärtigen Amt. Auf den jährlichen Ball der türkischen Mediziner ströme dann auch die gesamte CSU-Prominenz, angeführt von Ministerpräsident Beckstein. „Die verstehen sich wirklich alle gut“, sagt Gloser. Aber es sei ihm immer eine diebische Freude, seine türkischen Freunde hinterher zu fragen: „Und? Habt ihr nach Becksteins Rede neue Hoffnung auf die EU-Mitgliedschaft der Türkei?“ Das würden die Deutschtürken dann stets verneinen. „Auch deshalb wählen sie lieber uns“, sagt der SPD-Mann Gloser.

          Arslan stimmt ihm darin zu. Die Ablehnung einer EU-Mitgliedschaft der Türkei durch CDU und CSU, die es so unter Helmut Kohl noch nicht gegeben habe, stoße viele Deutschtürken ab. „Und der Wahlkampf von Roland Koch hat dem Image einer für uns offenen CDU auch wenig genützt.“ Wenn die Union aber wertkonservative Deutschtürken auf Dauer verprelle, sagt Arslan, laufe sie paradoxerweise Gefahr, ihr Ziel als „moderne Großstadtpartei“ zu verfehlen. Denn in Stuttgart, Frankfurt, München und Hamburg seien schon jetzt ein Fünftel der Einwohner Ausländer. „Da machen dann die Deutschtürken schnell mehr als nur ein Prozent der Wählerschaft aus.“

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