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Deutschlands kleinste Hochschule : Exklusiv wie Heidegger

Unterstützte die Gründung der Gustav-Siewerth-Akademie: Joseph Kardinal Ratzinger, hier in einer Aufnahme aus dem Jahr 1981 Bild: AFP

Neun Studenten reichen nicht: Der Gustav-Siewerth-Akademie im Schwarzwald soll die Zulassung entzogen werden. Die Hochschule gegen den „nihilistischen Zeitgeist“ und die „schrankenlose Anwendung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse“ steht vor dem Aus.

          Was das baden-württembergische Wissenschaftsministerium per Brief der Gustav-Siewerth-Akademie (GSA) im Südschwarzwald mitteilte, ist ein beispielloser Vorgang in der Geschichte des Landes. Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) ließ der mutmaßlich kleinsten privaten Hochschule Deutschlands mitteilen, dass ihr die seit 1988 zuerkannte staatliche Anerkennung nun entzogen wird. „Nachdem auch diese Frist fruchtlos verstrichen ist, erfolgt nun der Widerruf der staatlichen Anerkennung der GSA als wissenschaftliche Hochschule in privater Trägerschaft im Wege eines Verwaltungsaktes“, heißt es in dem Brief des Ministeriums, der dieser Zeitung vorliegt.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Mehrfach hatte das Ministerium die Privathochschule in Weilheim-Bierbronnen, einige Kilometer nördlich von Waldshut-Tiengen gelegen, dazu gedrängt, das Studienangebot auf die Abschlüsse Bachelor und Master umzustellen. Nach Darstellung des Ministeriums geschah dies nur unzureichend. Außerdem verfüge die Hochschule nicht über eine hauptamtliche Hochschulleitung, sie beschäftige seit Jahren kein wissenschaftliches Personal und habe zur Sicherstellung des Studienbetriebs auch keine Rücklagen gebildet.

          Seit dem Wintersemester 2009/2010 biete die Hochschule „keinen einzigen Studiengang an, der den Vorgaben des Landeshochschulgesetzes“ entspreche. Mit neun Studierenden sei die „kritische Untergrenze“ für den Betrieb einer Hochschule „deutlich unterschritten“. Das Wissenschaftsministerium verlangt eine Mindestzahl von 1000 Studenten. Allerdings hatte die GSA niemals mehr als 30 Studenten.

          Gegen die Frankfurter Schule gerichtet

          Der Rektor der Hochschule, Albrecht Graf von Brandenstein-Zeppelin, Urenkel des berühmten Luftschiffbauers Ferdinand Graf von Zeppelin, wollte sich auf Anfrage dieser Zeitung zu der Entscheidung des Ministeriums nicht äußern. Vor wenigen Tagen hatte er in einem Interview allerdings gesagt, seine Hochschule sei eine „Elite-Institution“; und damit der Anspruch noch deutlicher wurde, hatte er hinzugefügt: Auch Martin Heidegger habe in seinen Seminaren nur drei Studenten gehabt.

          Die 1988 gegründete Hochschule sollte angeblich dem Neomarxismus der Frankfurter Schule entgegenwirken. Oftmals unbewusste „marxistisch-neomarxistische Gedankengänge“ sollten durch die Arbeit der Akademie überwunden werden. Die Theologin Alma von Stockhausen, der Kirchenhistoriker Remigius Bäumer und auch Joseph Kardinal Ratzinger setzten sich für die Gründung ein - Alma von Stockhausen, eine Heidegger-Schülerin, ist bis heute Prorektorin der Akademie. Erwin Teufel, damals noch CDU-Fraktionsvorsitzender, später Ministerpräsident, soll auch zu den Fürsprechern der Hochschulgründung gehört haben.

          Sommerkurs zur „Sünde als Schatten der Evolution“

          Vertreter eines dezidiert konservativen Religionsverständnisses fanden in Weilheim-Bierbronnen über viele Jahre eine geistige Heimat: Der Priester Reto Nay, der auch auf „kreuz.net“ Beiträge veröffentlicht hat, war Dozent im Südschwarzwald. Für den theologischen Sommerkurs in diesem Jahr hat auch der im Jahr 2010 zurückgetretene Augsburger Bischof Walter Mixa seine Teilnahme angekündigt. Das Lehrprogramm der Akademie sollte dazu dienen, dem „nihilistischen Zeitgeist“ und der „schrankenlosen Anwendung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse“ entgegenzuwirken. Der Titel des „Theologischen Sommerkurses“ lautet in diesem Jahr: „Sünde als Schatten der Evolution“. Ein Seminar im Vorlesungsverzeichnis befasst sich mit der Willensfreiheit und dem naturgesetzlichen Determinismus.

          Es könnte sein, dass die Voraussetzungen zur Anerkennung der Akademie als staatliche Hochschule schon seit vielen Jahren nicht mehr erfüllt worden sind. Das Wissenschaftsministerium war im April 2012 erstmals auf das Problem aufmerksam geworden. Für Wissenschaftsministerin Theresia Bauer, die aus einem katholischen Elternhaus stammt, handelt es sich aber nicht um eine theologische oder philosophische Frage. Bei der Qualität der Hochschulen gebe es „keinen Rabatt“, ausschlaggebend für die Entscheidung ihrer Beamten seien die Kriterien des Landeshochschulgesetzes.

          Entscheidung im kommenden Jahr

          Kein Geringerer als Joseph Kardinal Ratzinger schrieb am 24. Oktober 2002 an Alma von Stockhausen anlässlich ihres 75. Geburtstages: „Inmitten so vieler Zweideutigkeiten, die von so vielen Lehrstühlen ausgehen, geht Ihre Hochschule den klaren Weg der Wahrheit, den uns der Glaube zeigt, in Liebe, aber auch furchtlos angesichts all der Feindseligkeiten, mit denen das klare Bekenntnis zum katholischen Glauben der Kirche heute rechnen muss.“

          Wahrscheinlich erst im kommenden Jahr wird das Verwaltungsgericht Freiburg entscheiden, ob der „unbeirrbare Glaube“ (Ratzinger) weiterhin Deutschlands kleinste Hochschule beseelen kann. Die Verantwortlichen der GSA wollen nun prüfen, ob sie sich mit einer „befreundeten staatlichen Hochschule“ in Europa verbünden können.

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