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Deutschland und Iran : Die Prüfungen des Bijan Djir-Sarai

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Bijan Djir-Sarai mit dem deutschen Botschafter, Erbel, vor einer Moschee auf dem Weg vom Elternhaus zur Grundschule Bild: Majid Sattar

Ein Politiker mit Migrationshintergrund, was ist das? Bijan Djir-Sarai ist Deutscher und hat ein Mandat im Bundestag. In seinem Leben hatte er mit vielen Problemen zu tun, die andere Abgeordnete nicht haben.

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          Bijan Djir-Sarai steht auf dem Schulhof der Deutschen Schule in Teheran. An diesem heißen Vormittag soll der Bundestagsabgeordnete aus dem niederrheinischen Grevenbroich den neuen Spielplatz eröffnen. Der Hausmeister hat mit dem Gartenschlauch die letzten Blätter vom Gummiboden weggespritzt, die Kinder warten in der großen Pause ungeduldig hinter einem roten Band auf den kleinen Festakt. Der junge Mann, der auch stellvertretender Landrat im Rhein-Kreis Neuss ist, greift geübt zur Schere. Schnipp. Die Kinder stürmen das Spielgerät, eine Lehrerin begrüßt den Gast aus Deutschland. Es ist Angelika Nodjavan. „Bijan? Du bist doch der Bijan!“, sagt sie. Schnapp. Der Abgeordnete senkt den Kopf und schweigt einige Sekunden.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Bijan Djir-Sarai hasst noch heute den Frankfurter Flughafen, wo seine Reise zurück in das Land seiner Kindheit beginnt. Hier kam er im August 1987 im Alter von elf Jahren an. Sein Vater hatte in Deutschland studiert. Da sollte er auch hin. Sein Onkel wohnte hier. Also musste er zum Onkel. „Das war ein großer Schock“, sagt Djir-Sarai. Er hatte einige Monate Zeit, sich mit dem Gedanken anzufreunden, Monate, in denen Frau Nodjavan mit ihm nachmittags deutsche Vokabeln paukte. Doch der kleine Bijan war wie blockiert. Kein Wort Deutsch habe er gekonnt, als er in Frankfurt angekommen sei. Immer, wenn er am Rhein-Main-Flughafen ist, überkommen ihn jene Gefühle von damals, als er wie betäubt tat, was der Vater ihm sagte.

          Eigentlich ist die Stadt leergefegt

          In der Qoba-Straße im alten Zentrum Teherans steht das frühere Elternhaus der Djir-Sarais. Es ist ein großes Anwesen, umgeben von einer Mauer. Wenn Bijan in den achtziger Jahren, während des Krieges gegen den Irak, zu Fuß zu seiner Grundschule ging und Fliegeralarm gegeben wurde, rannte er zurück nach Hause. Die Familie ging dann in den Keller und der Vater setzte dem Sohn seinen Motorradhelm auf.

          Zu Besuch in der deutschen Schule: „Auch wenn der Druck von außen groß ist, ich kenne ihn - bleibt euch treu”

          Der Vater hat das Haus vor vielen Jahren verkauft. Als sein Sohn 24 Jahre nach seiner Auswanderung wieder vor den Mauern seines Elternhauses steht, sammeln sich unweit davon an einer Kreuzung zwei Dutzend Polizisten, die ihre Motorräder abstellen und den Weg versperren. Eigentlich ist die Stadt leergefegt: Es ist der 22. Todestag Ajatollah Chomeinis, die politische Klasse begeht den Gedenktag am Mausoleum des Imams, viele Teheraner nutzen das Wochenende zur Sommerfrische am Kaspischen Meer. Vor einigen Tagen gab es Hinweise, die Reformkräfte des Landes könnten den Gedenktag für größere Demonstrationen in der Hauptstadt nutzen. Doch es tut sich nichts.

          Djir-Sarai hat eine Antwort parat

          1979 hatte die Islamische Revolution den Vater aus der Bahn geworfen. Der säkulare Mann, der in der Schah-Zeit Karriere machte, verlor seinen Job in der Erdölindustrie. Bald begannen die Angriffe von Saddam Husseins Luftwaffe. Kurz bevor der Sohn die Grundschule beendete, beschloss der Vater, seinen Sohn fortzuschicken. Er wolle nur das Beste für ihn, sagte er. Sechs Jahre sollte Bijan seine Mutter nicht wiedersehen, gelegentliche Telefonate endeten meist in Tränen. Die Entscheidung des Vaters wurde zur Belastung für die Ehe.

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