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„Deutschland spricht“ : „Man dringt zu manchen Menschen gar nicht mehr durch“

  • -Aktualisiert am

Die Teilnehmer und Organisatoren von „Deutschland spricht“ in Dresden Bild: PHIL DERA

Seit Pegida ist Dresden in besonderem Maße im Fokus der Debatte um Rechtspopulismus: Bei der Veranstaltung von „Deutschland spricht“ in der Frauenkirche kommen viele Dresdner – und manche sorgen sich um den Ruf ihrer Stadt.

          4 Min.

          Eva Sagemüller hat sich schick gemacht, im dunkelblauen Kleid mit silberner Brosche wartet sie im Konferenzraum eines Dresdner Hotels auf ihre Gesprächspartnerin, die ihr bei „Deutschland spricht“ zugelost wurde. Sagemüller ist Dresdnerin, sie floh 1980 in den Westen und kam vor 15 Jahren zurück in ihre Heimatstadt. Sie habe sich bis heute noch nicht vom „Rückkehrschock“ erholt, sagt sie, besonders die Entwicklung der vergangenen Jahre mache ihr zu schaffen – Frust, Pegida, AfD. „Ich verstehe Ältere, die nach der Wende keine Fuß mehr auf den Boden gekriegt haben“, sagt die 67 Jahre alte Lehrerin. „Aber die Krawallmacher jetzt, die sind mir absolut unbegreiflich.“ Sie sei erschüttert, wie bestimmte Ansichten auch in gebildeten Kreisen um sich griffen und hofft deshalb, hier mit einem „krassen Partner“ in Kontakt zu kommen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Ähnlich geht es Andrea Albrecht, die sich als „pegida-ertragende Dresdnerin“ vorstellt. „Man dringt zu manchen Menschen gar nicht mehr durch“, sagt die 45 Jahre alte Einzelhandelskauffrau und erzählt in kleiner Runde, wie in ihrem Umfeld den vergangenen Jahren Freundschaften zerbrochen seien und auf Familienfesten nicht mehr über Politik gesprochen werde, um eine Eskalation zu vermeiden. Albrecht sagt, sie habe durch Zufall von „Deutschland spricht“ erfahren und hoffe hier auf Antworten auf ihre Hauptfrage: „Wie komme ich an die Leute wieder ran?“ Zu oft höre sie nur den Satz: „Du verstehst mich sowieso nicht.“ Vielleicht habe sie selber Fehler gemacht, zu scharf formuliert, dass sich der andere auf den Schlips getreten fühlt?

          Die Herkunft der Teilnehmer

          Rostock

          Hamburg

          Bremen

          Berlin

          Hannover

          Magdeburg

          Münster

          Dresden

          Köln

          Erfurt

          Frankfurt

          Nürnberg

          Stuttgart

          München

          Grafik: Giesel

          Die Herkunft der Teilnehmer

          Rostock

          Hamburg

          Bremen

          Berlin

          Hannover

          Magdeburg

          Münster

          Kassel

          Leipzig

          Dresden

          Köln

          Erfurt

          Frankfurt

          Nürnberg

          Mannheim

          Saarbrücken

          Stuttgart

          München

          Grafik: Giesel

          Einen Rat hat zuvor Florian Illies gegeben: „Wenn Ihnen ein Gesprächspartner merkwürdig vorkommt, machen Sie sich Gedanken, welche Erfahrungen er gemacht haben könnte“, sagt der Autor und Publizist in der Dresdner Frauenkirche, wo die Aktion zeitgleich wie die in der Frankfurter Paulskirche mit Vorträgen und Podiumsdiskussionen eröffnet wurde. Er könne die Sehnsucht verstehen nach klarer Kante, nach einem, der endlich mal auf den Tisch haut, sagt Illies. Aber das sei eine ganz gefährliche Tendenz. Die Demokratie sei oft mühsam und langweilig, aber am Ende stehe meist ein Kompromiss, der niemanden ganz, aber alle ein wenig berücksichtige und so den Frieden in der Gesellschaft erhalte. Es bleibe deshalb gar nichts anderes übrig, als miteinander zu sprechen und es für möglich zu halten, dass der andere Recht haben könnte.

          Dresdner Frauenkirche als Symbol der Versöhnung

          Die über allem schwebende, große Frage, ob unsere Demokratie in der Krise sei, verneinte der Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel. Schon als er 1975 mit dem Studium begonnen habe, sei ständig von Krise die Rede gewesen. Dabei gebe es noch nicht mal verlässliche Indikatoren, wann denn eine solche Krise überhaupt beginne, vielmehr sei die gegenwärtige Lage eher der „Normalzustand“. Gleichwohl gebe es Herausforderungen, und eine davon sei die zunehmend ungleiche Verteilung des Wohlstands in der Gesellschaft, der politische Entscheidungen beeinflusse. „Wer 12 000 Euro verdient, wählt anders als die, die 1 200 Euro verdienen“, sagt Merkel. Zugleich regte er einen Blickwechsel auf Populisten an. Diese hätten eine wichtige Funktion, „weil sie zu Widerspruch in der Gesellschaft anregen“.

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