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Umwelt-Altlasten der DDR : Giftiges Erbe und blühende Landschaften

  • -Aktualisiert am

Randvoll: Ein Säureharzteich der Raffinerie Klaffenbach Anfang der neunziger Jahre Bild: Baufeld-Umwelt-Engineering GmbH, Chemnitz

Belastete Böden, wilde Deponien, giftige Müllkippen und verseuchtes Grundwasser: Als die DDR vor 25 Jahren verschwand, hinterließ die Industrie jede Menge Altlasten. Bis heute arbeiten die Länder an der Beseitigung der Umweltschäden.

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          Wenn der Wind ungünstig stand, kam der schwefelartige Gestank. Daran kann sich Thomas Schmidt noch gut erinnern. „Anwohner haben auch oft von toten Vögeln erzählt“, sagt er. Schmidt ist heute Sachsens Umweltminister und steht an einem regnerischen Augusttag auf dem Gelände der Mineralölraffinerie in Klaffenbach südlich von Chemnitz. Von den einstigen Zuständen ist heute nicht mehr viel zu sehen, aber man glaubt Schmidt, der in der Nähe aufwuchs, aufs Wort, wenn er sagt: „Hier war eine der allerschlimmsten Hinterlassenschaften überhaupt.“

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Der heutige Eigentümer der Raffinerie hat Bilder mitgebracht. Sie zeigen fünf Teiche, die randvoll mit einer zähen, breiartigen ölig-schwarzen Masse gefüllt sind, auf der kreuz und quer leere Fässer schwimmen. Zwischen 1950 und 1990 wurden hier in bis zu neun Meter tiefen einstigen Ziegellehmgruben mehr als 180.000 Tonnen hochaggressive Säureharz-Rückstände aus der Altöl-Aufbereitung der Raffinerie abgekippt - unter freiem Himmel und in unmittelbarer Nachbarschaft einer Siedlung. Zwar war der Boden der Gruben dicht, doch 1990 waren sie so voll, dass ihre Dämme zu brechen und ein größeres Gebiet zu verseuchen drohten. Auf der Oberfläche hatte sich zudem durch Regen eine extrem giftige Öl-Wasser-Schwefelsäure-Emulsion gebildet.

          Die sogenannten Säureharzteiche zählen zu Umwelt-Altlasten, mit denen sich alle ostdeutschen Länder seit ihrer Wiedergründung vor 25 Jahren herumschlagen müssen. Veraltete Industrie, belastete Böden sowie wilde Deponien und Müllkippen blieben zurück, als die DDR verschwand; die selbsternannte zehntgrößte Industrienation der Welt war vor ihrem Ende vollkommen auf Verschleiß gefahren worden. „Es war ein verheerendes Erbe“, sagt Thomas Schmidt. 30.000 Standorte, knapp vier Prozent der Landesfläche, wurden allein in Sachsen als altlastenverdächtig identifiziert, bei einem Fünftel davon war eine Sanierung unumgänglich.

          Diese ist bis heute etwa zu zwei Dritteln abgeschlossen. „Wir stellen im Grunde den Normalzustand wieder her“, sagt Schmidt. Rund 750 Millionen Euro habe das bisher gekostet. „Und am Ende sieht man oft nur eine grüne Wiese.“ Auf der wie im Fall der einstigen Säureharzteiche heute eine der größten Photovoltaik-Anlagen Sachsens steht. 16 Jahre hat es gedauert, die Gruben sowie eine benachbarte Deponie, auf der sich fester Abfall des Mineralölwerks türmte, zu sanieren; die Säureharze etwa wurden wegen der Nähe zu Wohnhäusern in einem eigens errichteten Zelt geborgen, zu Brennstoff aufbereitet und in einem Braunkohlekraftwerk verbrannt.

          Vier Prozent der Fläche in Sachsen altlastenverdächtig

          Rund 100 Millionen Euro hat allein diese Maßnahme bis heute gekostet, bezahlt aus Mitteln des Landes und der Europäischen Union. Grundlage dafür ist das Gesetz zur Altlastenfreistellung, das 1990 noch die Volkskammer beschlossen hatte. Demnach zahlt der Staat für die Beseitigung von DDR-Schäden auf Gewerbegrundstücken, wenn dadurch Investitionen behindert werden oder Umwelt und Grundwasser bedroht sind.

          Dabei birgt eine Sanierung immer wieder ungewöhnliche Herausforderungen, wie auf dem einstigen Gelände des Chemiehandels Chemnitz. Hier wurden einst bis zu 30.000 Kubikmeter Flüssigchemikalien im Jahr umgeschlagen, darunter Lösungsmittel für die Textilindustrie. Bei Umfüllen der gefährlichen Stoffe aus Güterzügen in die rund 50 Tanks des Lagers habe es „immense Verluste“ gegeben, die in den Boden sickerten, schildert Beate Wildemann von der Stadt Chemnitz die Lage. „Vor allem bei warmem Wetter kann man das bis heute riechen.“ Nachdem das Firmengelände in den neunziger Jahren abgerissen wurde, ergaben Probebohrungen, dass auch das Grundwasser weit über die Grenzen des einstigen Chemiehandels hinaus stark belastet war.

          Die Bergung und Sanierung solcher „Altlasten“ sorgt oft für unerwartete Herausforderungen

          Für die Sanierung wurden mehrere Brunnen gebohrt, darunter in einem bisher einmaligen Verfahren zwei Horizontalbrunnen, die in den Grundwasser führenden Schichten positioniert wurden. Von dort wird das kontaminierte Wasser zu einer oberirdischen Reinigungsanlage und anschließend zurück in den Boden gepumpt. Auf diese Weise können pro Woche bis zu 16 Kilogramm der einstigen Lösungsmittel aus dem Grundwasser gefiltert werden; insgesamt wurden bisher knapp zwei Tonnen der versickerten Chemikalien aus der Tiefe geholt. Zudem sollen in den kommenden Jahren, ebenfalls in einem neu entwickelten Verfahren, im Boden festsitzende Schadstoffe mit Hilfe von Tensiden zum Fließen gebracht und geborgen werden.

          Die Sanierung dieser Umwelt-Altlasten werde das Land auch in Jahrzehnten noch beschäftigen, sagt Minister Schmidt. „Das ist eine Generationenaufgabe.“ Allerdings saniere man auch nicht um jeden Preis, sondern wäge Gefahrenlage und Kosten ab. Exemplarisch dafür steht das einstige Steinkohlenmahlwerk in Hohndorf im Erzgebirge. Hier wurden gut hundert Jahre lang Kohlenstaub und Teeröl zu Briketts verpresst, die Abprodukte, darunter Steinkohlenabrieb, Braunkohlenasche und nicht verbrauchte Teeröle wurden in ein unterhalb gelegenes Absetzbecken verkippt - und als das gefüllt war, auch darüber hinaus. Auf der wilden Halde sammelten sich zudem bald Hausmüll und Siedlungsabfall an, was zunächst ungefährlich aussah.

          Nun wachsen Erlen, Lärchen und Eichen

          Das ganze Ausmaß der Verunreinigung kam erst ans Tageslicht, als an einem Bachlauf plötzlich Teeröl austrat. „Niemand hier hat geahnt, dass in der Kippe soviel Teer steckt“, sagt Sylvia Kirsten, die im Erzgebirgskreis für Bodenschutz zuständig ist. Bodenproben offenbarten die massive Belastung der Halde mit verschiedensten Chemikalien, die das Oberflächenwasser verunreinigten. Das sei „ein ziemlicher Cocktail“ gewesen; bei der 4,4 Millionen Euro teuren Sanierung wurden dann unter anderem 180 Tonnen zäh-breiiges Teeröl und 17.000 Tonnen belasteter Boden entsorgt.

          Die Grube selbst wurde jedoch nicht komplett ausgebaggert. „Noch tiefer zu gehen, wäre zu teuer gewesen“, sagt Sylvia Kirsten. „Deshalb haben wir uns für eine Kombination aus Sicherung und Sanierung entschieden.“ Die Oberfläche wurde versiegelt, sodass kein weiteres Wasser eindringen kann, hier befindet sich heute ein asphaltierter Parkplatz. Auf der einstigen Halde dagegen ist ein Wald entstanden, in dem Erlen, Lärchen und Eichen wachsen, als wäre es nie anders gewesen.

          In der benachbarten Erzgebirgsstadt Oelsnitz wiederum lässt sich besichtigen, was aus einer einst belasteten Fläche auch entstehen kann. Auf dem großflächigen ehemaligen Güterbahnhof des Ortes, der vor allem dem Kohleumschlag diente, hat im Frühjahr die 7. Sächsische Landesgartenschau eröffnet. Auf den einst mit Kohlenstaub bedeckten Flächen wurden Wiesen, Wege und Teiche angelegt und Bäume, Stauden- und Blumengärten gepflanzt, die sich heute in den prächtigsten Farben präsentierten. Wenigstens hier sind die oft bemühten blühenden Landschaften Wirklichkeit geworden.

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