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Marinechef entlassen : Wie ein festgefahrener Eisbrecher

Kay-Achim Schönbach im Juli 2021 in Rostock Bild: dpa

Der deutsche Marine-Inspekteur Kay-Achim Schönbach verrennt sich in Indien mit Äußerungen zum Ukraine-Konflikt und zu Putin. Dann räumt er seinen Posten. Er saß wohl einer folgenschweren Fehleinschätzung auf.

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          Die Fehleinschätzung, von der Kay-Achim Schönbach später sprach, lag wohl schon in der Natur seines Auftritts bei einer Denkfabrik in der indischen Hauptstadt Neu Delhi. Zu Beginn der Veranstaltung, die danach so schwere diplomatische Folgen nach sich ziehen würde, begann der Inspekteur der Deutschen Marine, seine Rede mit den Worten, dass er sich „teilweise offiziell“ äußern, teilweise aber seine „private Meinung und seine persönliche Einstellung“ vortragen werde. Der erfahrene Oberkommandierende der Marine dürfte übersehen haben, dass bei einem Auftritt in Uniform und unter Nennung seines vollen Titels bei dem indischen Thinktank, dem Manohar Parrikar Institute for Defence Studies and Analyses (MP-IDSA), jede Äußerung als offiziell gewertet werden würde.

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Anlass war der Besuch der deutschen Fregatte „Bayern“ im ostindischen Mumbai, der erste eines deutschen Kriegsschiffs seit fast 20 Jahren. Die „persönliche Meinung“, mit der Schönbach dann einen politischen Sturm auslöste, folgte erst nach seiner etwa vierzigminütigen Rede, in der er sich wie geplant über Deutschlands Indopazifik-Strategie geäußert hatte. Flankiert von anderen Uniformierten saß Schönbach den indischen Thinktank-Gastgebern gegenüber an einem Konferenztisch. Es war die Fragerunde in aufgelockerter Atmosphäre, in der sich der Vizeadmiral zu den Äußerungen über den Ukraine-Konflikt und den russischen Präsidenten Putin hinreißen ließ, die über den Weg eines kurzen Twitter-Videos schließlich auch in den sozialen Medien Verbreitung fanden.

          Darin bezeichnete er unter anderem die russische Annexion der ukrainischen Krim als irreversibles Faktum, („Die Krim ist weg, sie wird nicht zurückkommen“) und mahnte „Respekt“ für den russischen Präsidenten Putin an. Es dauerte nicht lange, bis die Äußerungen weite Kreise gezogen hatten. Das ukrainische Außenministerium bestellte die deutsche Botschafterin ein und erklärte dies mit der „Unannehmbarkeit der Äußerungen“. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Berlin sagte, diese entsprächen in Inhalt und Wortwahl in keiner Weise der Position des Bundesverteidigungsministeriums. Der Vizeadmiral selbst bat auf Twitter um Entschuldigung auch für seine „unbedachten“ sicherheitspolitischen Äußerungen.

          Ungeschehen konnte er sie damit nicht mehr machen. Schon am Samstag, dem Tag nach seinem Auftritt, bat Schönbach offiziell um seine Ablösung. „Ich habe soeben die Frau Bundesministerin der Verteidigung gebeten, mich von meinen Aufgaben und Pflichten als Inspekteur der Marine mit sofortiger Wirkung zu entbinden“, ließ er mitteilen. „Meine in Indien gemachten unbedachten Äußerungen zu Sicherheits- und Militärpolitik lasten zunehmend auf meinem Amt. Um weiteren Schaden von der Deutschen Marine, der Bundeswehr, vor allem aber der Bundesrepublik Deutschland zu nehmen, halte ich diesen Schritt für geboten.“ Zudem ließ er verlauten, dass die Ministerin Christine Lambrecht (SPD) sein Gesuch angenommen habe. Wie es hieß, werde er zunächst von Konteradmiral Jan Christian Kaack ersetzt, bis eine Nachfolge gefunden sei.

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