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Angst vor Salafisten? : Gebetsräume an Hochschulen unter Generalverdacht

  • -Aktualisiert am

Raum der Stille in Grossformat: Die Goethe-Universität bietet den Studierenden in Frankfurt ein ganzes „Haus der Stille“. Bild: Uwe Dettmar

Mehrere deutsche Universitäten schließen ihre Gebetsräume, weil sich Konflikte mit muslimischen Studenten ergeben haben. Offen reden über die Furcht vor möglichen islamistischen Terrorzellen will aber kaum jemand.

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          Was tun, wenn Studenten in Gebetsräumen der Unis ihre Mitstudentinnen auffordern, auf Parfüm zu verzichten und sich zu verschleiern? Oder wenn Studenten den Gebetsraum mit Trennwänden in zwei Hälften aufteilen – eine große für die Männer und eine kleine für die Frauen? Diesen unangenehmen Fragen musste sich die Technische Universität Dortmund stellen.

          Die Aufforderung zum Verschleiern stand 2012 auf Flyern, die im Gebetsraum herumlagen, erst im Januar wurden Trennwände vorgefunden. Die Antwort auf die wiederholten Missstände der Uni-Leitung war die endgültige Schließung des Gebetsraumes, der „Raum der Stille“ hieß und wie bei den meisten deutschen Universitäten auch für nichtreligiöse Zwecke gedacht war. Zum Beispiel, um sich einmal in aller Ruhe vom Lernstress, den viele Studierende kennen, zu erholen.

          Vor weiblichen Blicken geschützt: Muslimische Studenten, welche den „Raum der Stille“ für ihre Gebete nutzten, unterteilten den Raum mit Trennwänden in zwei Teile - eine für Frauen und eine für Männer.

          Die Technische Universität Berlin hat ihren Gebetsraum für Muslime am Montag „wegen bautechnischer Probleme“ geschlossen. Am Freitag bot die Universität ihren muslimischen Studenten für das Freitagsgebet bisher eine Turnhalle an. Auch diese wird aus dem selben Grund geschlossen – „bautechnische Probleme." „Die Turnhalle umfasst gerade mal 300 Quadratmeter. Jeden Freitag versammeln sich dort rund 500 Personen“, sagt Pressesprecherin Stefanie Terp FAZ.NET, „Die Halle ist dafür zu klein und eine Universität ist keine Moschee.“ Auch der Gebetsraum sei zu klein für die hohe Besucherfrequenz von rund 100 Personen pro Tag. Ob die Schließung auch aus Angst vor religiösen Konflikten oder dem Aufkreuzen von Salafisten zu tun hat, ist unklar. Meinungen von Salafisten-Experten einzuholen, erweist sich als schwieriges Unterfangen. Viele möchten sich nicht äußern.

          Hayat-Deutschland ist bundesweit die erste Beratungsstelle für Personen und Angehörige von Personen, die sich salafistisch radikalisieren oder sich dem militanten Dschihadismus anschließen. Die Frage, wie hoch die Gefahr sei, dass Räume der Stille von Salafisten missbraucht werden, kann die Stelle aus „zeitlichen Gründen“ nicht beantworten, sie bekämen viele Anfragen pro Tag. Auch vier Tage reichen für eine Antwort nicht aus. Hayat-Deutschland ist eines der Projekte der „ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur“, die zum Netzwerk der Beratungsstelle „Radikalisierung“ des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gehört. Mit derselben Frage angesprochen, empfiehlt die Behördenstelle, man solle sich doch an Universitäten und „zuständige Kulturministerien“ wenden, die Fragestellung falle nicht in ihre Zuständigkeit.

          Kompromisslösung Gebetsbalkon

          Dass die Fragestellung nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigt der Fall der Bochumer Hochschule. Dort traf sich Salafist Sami A. 2012 mit Gleichgesinnten im „Raum der Stille“. Auch hier schloss die Hochschule den Raum – eröffnete dann aber einen „Gebetsbalkon“ in der Mensa. Der Balkon ist nur über eine Brücke erreichbar und bietet etwas Privatsphäre – nicht aber die Abgeschiedenheit eines Gebetsraums. „Jetzt gibt es sicher keine Probleme mehr“, sagt Pressesprecher Detlef Bremkens, „der Ort ist ein Kompromiss, der sich mit den Gebetsbedürfnissen der muslimischen Studierenden sowie den Sorgen derer, die keinen Gebetsraum möchten, deckt.“

          An der Bochumer Hochschule wurde im Herbst 2012 der „Raum der Stille“ geschlossen, weil sich der radikale Salafist Sami A. mit Gleichgesinnten traf. In der Mensa steht nun ein „Gebetsbalkon“.

          Goethe-Universität nutzte Umbau für Pionierleistung

          Es geht aber auch anders. Eine der Vorreiterrollen in puncto funktionierendem „Raum der Stille“ nimmt die Goethe-Universität in Frankfurt ein. Sie ließ 2010 für ihre Studierenden ein interkulturelles Zentrum bauen – ein ganzes „Haus der Stille“. „Das ist eben kein ausrangierter Raum, sondern ein Gebäude mit einer Nutzerordnung und verbindlichen Öffnungszeiten“, sagt Pressesprecher Olaf Kaltenborn, „wir denken gar nicht daran, irgendwas zu ändern, sondern sehen das “Haus der Stille“ als Bereicherung.“

          Eine Bereicherung ist das Haus offenbar auch für die Studierenden, die es nutzen, wie ein Blick aufs Gästebuch zeigt. Neben Danksagungen finden auch interreligiöse Debatten statt: „Frage an die Moslems: Wer ist euer Gott?“, schreibt jemand, und eine Zeile darunter dieselbe Frage für Christen. Beide Fragen wurden mit einem Zitat aus dem Koran sowie „Gott ist groß und Gott ist Liebe“ beantwortet. Auch Platz für Humor findet sich im vollen Gästebuch. „Bin Single und suche jemanden zum Heiraten,“ schreibt ein Student und kriegt prompt auf der gleichen Seite die Antwort, er werde niemals heiraten. Damit das nicht falsch verstanden wird, hat der unbekannte Autor ein Smiley hinter die Feststellung gekritzelt.

          Dass es keine Konflikte gibt, könnte neben den architektonischen Vorteilen (ein großer, heller Raum) auch an der geographischen Lage liegen. Das Haus der Stille liegt zwischen dem katholischen und evangelischen Studierendenwohnheim auf dem Campus der Universität, wo sich auch ein Geheimtipp der Studierenden befindet, das Café hopplo, wo der Kaffee besser schmecken soll als in der Mensa. So bewegen sich um den Raum der Stille durchgehend Menschen. Radikale Salafisten oder sexistisches Verhalten gegenüber Studentinnen fallen da schnell auf, auch wenn viele gar nicht wissen, wozu das runde Gebäude dient. „Ob hier jemand den Raum der Stille benutzt?“, wiederholt ein großgewachsener Student die Frage des Journalisten. „Keine Ahnung, aber das hier ist die Moschee.“

          Das „Haus der Stille“ bietet viel Platz zum beten und meditieren, religiöse Symbole sucht man vergeblich.

          Eigentlich ist ja alles gut

          Unbeeindruckt von den Zwischenfällen ist die Universität zu Köln. Die Bildungseinrichtung hat noch gar keinen „Raum der Stille“ und möchte deshalb im Herbst einen eröffnen. Lange mussten sich Studenten zum Beten in einen ungemütlichen Kellerraum zurückziehen, das soll sich nun ändern. Doch wie kann die Universität sicher sein, dass nicht ähnliche Konflikte auftauchen wie in Bochum oder Dortmund? „Wir erstellen gerade präventiv eine Nutzungsordnung und können im Notfall vom Hausrecht Gebrauch machen“, erläutert Pressesprecher Patrick Honecker. Zudem habe er auf Eigeninitiative eine Rundmail an rund 350 deutsche Hochschulen versendet. „23 haben sich gemeldet und von positiven Erfahrungen mit ihren Meditationsräumen berichtet.“ Bei den meisten Hochschulen funktioniert die Benutzung der stillen Räume, es gibt aber auch Ausnahmen. Und da lohnt es sich, rasch und genau hinzuschauen.

          In einer früheren Version war zu lesen, dass hinter Hayat-Deutschland mit der „ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur“ das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) steht. Hayat gehört jedoch lediglich zum Netzwerk „Radikalisierung“ des BAMF.

           

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