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Ein Makel im Lebenslauf : Deutsche Spitzenpolitiker verschleiern ihre Studienabbrüche

CDU-Abgeordnete schweigen

Kann ein Abbrecher Staatssekretär oder gar Minister werden? Das Thema sei seit den Ministertagen des Joschka Fischer eigentlich durch, heißt es bei den Grünen; Abbrecher aus den anderen Parteien sind da skeptischer. In der CDU ist der Makel anscheinend so gewaltig, dass vier von fünf angefragten Abgeordneten sich lieber gar nicht äußern wollten. Das Büro von Annette Widmann-Mauz, Parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, ließ ausrichten, die CDU-Politikerin habe keine Zeit, über dieses Kapitel in ihrem Leben zu sprechen. Das Kapitel dauerte ziemlich lang - die 46 Jahre alte Staatssekretärin, die im Bundesvorstand der CDU sitzt, hatte acht Jahre lang Politik- und Rechtswissenschaften an der Universität Tübingen studiert, danach war sie - ohne Abschluss - weitere fünf Jahre Mitarbeiterin am „European Studies Program“ der Universität, bis sie in den Bundestag gewählt wurde. Als Beruf gibt sie „Assistentin“ an.

Der Hamburger CDU-Abgeordnete Rüdiger Kruse, der ein Medizin-Studium abgebrochen hat, ließ durch das Beratungsunternehmen UMPR - Motto: Mut zur Kommunikation - ausrichten, er wolle nichts sagen, weil er keine Homestorys mache und gerade mit der Vorbereitung seiner Themen für den Wahlkampf beschäftigt sei. Die CDU-Abgeordneten Stefanie Vogelsang aus Berlin-Neukölln und Thomas Jarzombek aus Düsseldorf reagierten auf die Anfrage erst gar nicht.

Union beäugt Mitglieder ohne Abschluss kritisch

Allein Bernd Siebert, CDU-Verteidigungspolitiker, zeigte sich zum Gespräch bereit. Der 63 Jahre alte Hesse hatte sich vor mehr als vier Jahrzehnten in Marburg neun Jahre lang mit Mathematik und Physik herumgequält. Er war damals in der Jungen Union aktiv, im Studentenparlament, im Kreistag. „Ich hatte einfach mehr Lust auf Politik“, sagt Siebert. Als die Mutter starb - sie hatte ihn noch ermahnt, das Studium zu beenden -, ging Siebert in den Familienbetrieb, eine Spedition. „Ich hatte das Glück, dass ich den elterlichen Betrieb hatte. Deswegen hat mich nie jemand danach gefragt, warum ich das Studium nicht abgeschlossen habe“, sagt er. Später fragten seine Söhne, die selbst erfolgreich studieren oder studiert haben, warum er nicht abgeschlossen habe. „Das war mir schon unangenehm“, sagt Siebert, der die Spedition längst verkauft hat und eine Beratungsfirma führt. Zurzeit, solange er Abgeordneter ist, berät er nur seine eigene Frau, die eine Apotheke betreibt. Neulich hat er einen anonymisierten Fragebogen bekommen von einer Universität. „Hochschule mit Abschluss“ oder „Hochschule ohne Abschluss“ konnte man dort ankreuzen. „Den habe ich dann doch zerrissen“, sagt der CDU-Mann. In der Union werde man ohne abgeschlossenes Studium kritisch beäugt. „In meiner Partei wird es sicherlich am längsten dauern, bis man dem weniger Bedeutung beimisst“, sagt Siebert.

Wird man als Politiker ohne Abschluss unfreier, abhängiger? Kann ein solcher Politiker überhaupt etwas anderes machen? Frank Schwabe, der Gästeführer, fragt sich das schon. Er hat zum Glück einen sicheren SPD-Wahlkreis. Omid Nouripour ist international so viel herumgekommen, dass er sicher ist, einen anderen Job finden zu können. So sieht es auch Volker Beck für sich. Für einige Zeit in einer UN-Mission zu arbeiten, fände er spannend. Jan Mücke will, wenn er keinen Posten in der Bundesregierung mehr hat, nach einer Anstandspause wieder ins Immobiliengeschäft einsteigen.

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