https://www.faz.net/-gpf-94egq

F.A.Z. exklusiv : Für die Deutschen hat Amerika als wichtigster Verbündeter ausgedient

Sie fahren nur noch mit deutschen Panzern. Niederländische Soldaten bei der Übung „Bison Drawsko 2017“ in Polen Bild: EPA

Die Bundesrepublik sollte militärisch verstärkt auf Europa statt auf die Vereinigten Staaten setzen – zumindest, wenn es nach den Deutschen geht. Einer Umfrage zufolge hört bei ihnen aber der Wille zur engeren militärischen Zusammenarbeit an einem Punkt auf.

          4 Min.

          Wenn es zum militärischen Schwur kommt, sind die Streitkräfte der Vereinigten Staaten bis heute das Maß aller Dinge. Sie verfügen über den größten Verteidigungsetat, die modernste Armee, die schlagkräftigste Marine, gemeinsam mit Russland über das umfangreichste Atomwaffenarsenal und nach China über die meisten Soldaten. Wer Amerika zum Alliierten hat, kann ruhig schlafen. Einen Krieg mit Washington will niemand riskieren, der bei Sinnen ist.

          Dennoch: Für eine große Mehrheit der Deutschen, die über Jahrzehnte Nutznießer des mächtigen Alliierten an ihrer Seite waren, haben die Vereinigten Staaten als wichtigster Verbündeter ausgedient. Das geht aus einer Umfrage von Kantar Public im Auftrag der Körber-Stiftung hervor, die an diesem Dienstag auf dem „Berliner Forum Außenpolitik“ vorgestellt werden soll und der F.A.Z. vorliegt.

          Demnach denken 88 Prozent der Deutschen, dass eine Verteidigungspartnerschaft unter europäischen Staaten künftig Priorität gegenüber der Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten haben sollte. Gerade einmal neun Prozent setzen weiterhin auf Washington als Partner Nummer eins.

          Dieses vehemente Bekenntnis für eine engere europäische Verteidigungskooperation kann überraschen, selbst wenn man in Rechnung stellt, dass sich seit dem Wahlsieg Donald Trumps vor einem Jahr das transatlantische Verhältnis stark eingetrübt hat. Schließlich hatten dessen ungeachtet noch im Frühjahr dieses Jahres zwei Drittel der Deutschen bei einer Befragung des renommierten „Pew Research Centers“ angegeben, dass sie eine hohe Meinung von der Nato haben – von einem Militärbündnis, dessen wichtigstes Mitglied nun mal die Vereinigten Staaten sind.

          Die Ergebnisse sind auch ein Hinweis darauf, dass die Deutschen die Schritte zu einer intensivieren militärischen Kooperation begrüßen, die Mitte November in Brüssel eingeleitet worden sind. Dort unterschrieben die Außen- und Verteidigungsminister von 23 EU-Staaten ein Dokument für eine „Ständige Strukturierte Zusammenarbeit“. Es soll den Grundstein für eine Europäische Verteidigungsunion legen. Der Weg dorthin dürfte lang und mühsam werden, so er überhaupt gelingt – das gilt vor allem für eine Europa-Armee, die die intensivste Form einer engeren Zusammenarbeit wäre. Nichtsdestotrotz würden heute schon 58 Prozent der Deutschen eine Europa-Armee mittragen. 38 Prozent lehnen sie ab.

          Grundsätzlich ist der Wille zur engeren militärischen Zusammenarbeit unter den Deutschen zwar stark. Folgen jedoch konkrete Belastungen daraus, schrumpft er merklich. Schon innerhalb der Nato, mit den Vereinigten Staaten im Rücken, erfüllen die meisten Mitglieder ihre Selbstverpflichtung nicht, zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für die Verteidigung auszugeben.

          Auch Deutschland verfehlt das Ziel bei weitem. Wollte sich Europa militärisch von den Vereinigten Staaten unabhängiger machen, müssten die Ausgaben noch einmal deutlich höher ausfallen. Allein schon, um Fähigkeiten aufzubauen und vorhandene zu modernisieren. Den deutschen Wehretat zu erhöhen kann sich jedoch laut der Umfrage nur knapp jeder dritte Deutsche vorstellen. Etwa die Hälfte plädiert dafür, ihn auf dem heutigen Niveau in Höhe von 37 Milliarden Euro zu belassen. Etwas offener sind die Deutschen bei ihren europäischen Verbündeten. Ihnen gestehen 45 Prozent höhere Verteidigungsausgaben zu. 37 Prozent wünschen sich, dass sie den Status quo beibehalten. Die Bereitschaft zu erheblichen Anstrengungen wächst naturgemäß mit großen Herausforderungen. Dass die Deutschen sie scheuen, könnte damit zusammenhängen, dass viele von ihnen keine außenpolitischen Probleme wahrnehmen, die steigende Verteidigungsausgaben rechtfertigen würden.

          Das Thema Flüchtlinge hielt in den Körber-Umfragen der vorangegangenen beiden Jahre knapp jeder zweite Deutschen für die größte Herausforderung der deutschen Außenpolitik. Heute sieht das nur noch jeder Vierte so. Dahinter rangieren 2017 die Beziehungen zu Amerika und Präsident Trump (19 Prozent) sowie zur Türkei und Präsident Erdogan (17 Prozent). Drei von vier Deutschen wünschen sich, dass Berlin sich für einen Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen mit Ankara starkmacht. Der Syrien-Konflikt, eng mit der Flüchtlingskrise verbunden, ist in den Hintergrund gerückt.

          Während im Vorjahr noch jeder vierte Deutsche ihn für die wichtigste Herausforderung hielt, äußerten sich in der diesjährigen Umfrage nur noch sechs Prozent so. Die Prävention konventioneller Konflikte, so scheint es, sehen die Deutschen kaum als Handlungsfeld der eigenen Außenpolitik an. Die Beziehung zu Russland unter Präsident Putin, im vergangenen Jahr immerhin noch für 16 Prozent der Deutschen das größte außenpolitische Problem, werteten in diesem Jahr nur noch acht Prozent so. Im schwelenden Krieg der Worte zwischen Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un und Amerikas Präsident Donald Trump sieht nur jeder Zehnte Handlungsbedarf für Berlin – auch wenn jeder zweite Befragte sich von Pjöngjang bedroht fühlt.

          Gleichwohl sind die außenpolitischen Ansprüche hoch. 71 Prozent der Befragten ist es sehr wichtig, dass Deutschland sich für die Sicherheit des eigenen Landes, seiner Verbündeten und in der Terrorismusbekämpfung engagiert. Gleiches gilt für 67 Prozent der Deutschen beim Schutz der Umwelt und des Klimas. 64 Prozent der Bevölkerung wünschen sich sehr, dass Deutschland sich für den weltweiten Schutz der Menschenrechte starkmacht.

          Wie bei den Verteidigungsausgaben gilt auch hier, dass konkrete Maßnahmen bei weniger Deutschen Unterstützung finden als abstrakte Aussagen. Die illegale Einwanderung nach Deutschland zu kontrollieren und einzudämmen halten noch 54 Prozent für sehr wichtig. Dahinter rangieren die Verbesserung der Lebensverhältnisse in Entwicklungsländern (49 Prozent), der Schutz wirtschaftlicher Interessen Deutschlands (41 Prozent) sowie weit abgeschlagen Maßnahmen zur Unterstützung von Staaten, demokratische Regierungsformen einzuführen (24 Prozent).

          Völlig allein auf Europa wollen sich die Deutschen indes nicht stützen. Zwar sehen knapp zwei Drittel der Deutschen inzwischen Frankreich als wichtigsten oder zweitwichtigsten Partner an. Doch gilt das für 43 Prozent auch im Fall der Vereinigten Staaten. Als Rückgrat der deutsch-amerikanischen Beziehungen sehen hierzulande 45 Prozent Wirtschaftsbeziehungen und 35 Prozent gemeinsame Werte. Nur 16 Prozent messen sicherheits- und verteidigungspolitischen Beziehungen die größte Bedeutung zu. Was Deutschlands Rolle in der Welt angeht, macht sich knapp jeder zweite Deutsche Sorgen wegen der innenpolitischen Situation des eigenen Landes. 49 Prozent gehen davon aus, dass der Abbruch der Jamaika-Sondierungsgespräche Deutschland international schwächen wird.

          Ein Kampfpanzer des Typs T-72B überquert am 21. Juli 2017 eine Ponton-Brücke auf dem Truppenübungsplatz Sergeyevsky im östlichen Militärdistrikt. Öffnen

          Die Umfrage, für die 1005 Personen befragt wurden, fand zwischen dem 4. und dem 18. Oktober 2017 statt. Für die Zusatzfrage zum Abbruch der Jamaika-Gespräche wurde zwischen dem 22. und 25. November 2017 noch einmal 1046 Personen befragt.

          Weitere Themen

          Polizei kontrolliert Berliner Parks Video-Seite öffnen

          Kontaktverbot : Polizei kontrolliert Berliner Parks

          Es ist kein gewöhnlicher Samstag - denn in Berlin herrscht, wie in allen Bundesländern Kontaktverbot. Daher war die Polizei präsent, um bei Verstößen einzuschreiten.

          Topmeldungen

          Segelboote bei einer Regatta in Antigua

          Deutsche Segler in Gefahr : Geleitzug aus der Karibik?

          Hunderte Deutsche sitzen wegen der Corona-Pandemie zwischen Antigua und den Bahamas auf ihren Segelschiffen fest. Eine Gruppe von ihnen plant deshalb, in zwei großen Verbänden zurück über den Atlantik zu segeln. Ein riskantes Unterfangen.
          Arbeiter desinfizieren Gehwege in Rom.

          Liveblog zum Coronavirus : Mehr als 10.000 Tote in Italien

          Italienischer Zivilschutz meldet fast 900 Tote am Samstag +++ Trump erwägt Quarantäne für New York +++ Rückholaktion von Touristen eines deutschen Kreuzfahrtschiffs +++ Alle Entwicklungen im Liveblog.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.