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Allensbach-Analyse : Ein Volk kommt zur Ruhe

  • -Aktualisiert am

Auf Pegida-Demonstrationen ein gern gesehener Spruch: „Wir sind das Volk“. Die deutsche Bevölkerung ist da jedoch anderer Meinung. Bild: Frank Röth

Vertritt Pegida wirklich die breite deutsche Bevölkerung, wie die Anhänger der Bewegung immer rufen? Eine repräsentative Umfrage zeigt, dass dem nicht so ist. Trotzdem sind die Deutschen mit vielem in ihrem Land ziemlich unzufrieden.

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          Die intensive öffentliche Auseinandersetzung mit der Pegida-Bewegung kann beim Betrachter den Eindruck hinterlassen, dass die Grundstimmung der Deutschen in diesen Tagen von allgemeinem Missmut gekennzeichnet sei. Es beeindruckt, wenn Zehntausende auf die Straße gehen und „Wir sind das Volk!“ rufen, und wenn das fast schon vergessene Schlagwort des „Wutbürgers“ plötzlich wieder die Kommentare beherrscht. Da liegt der Gedanke nahe, dass dies Ausdruck einer zunehmenden Verdrossenheit mit der Politik und dem politischen System sei und sich eine wachsende Zahl von Deutschen im eigenen Land nicht mehr zu Hause fühlt.

          Doch dieser Eindruck täuscht, wie die jüngste Repräsentativumfrage des Instituts für Demoskopie im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zeigt. Zwar gibt es selbstverständlich, wie in wahrscheinlich jeder Gesellschaft, tagespolitische Streitpunkte, die bei vielen Bürgern zu Unzufriedenheit führen. Es gibt immer ungelöste Probleme und Anlässe für Verdrossenheit, doch wenn man sich von den Fragen der Tagespolitik löst und die Haltung der Bevölkerung gegenüber ihrem eigenen Land und dem Staat allgemein betrachtet, dann erkennt man, dass die Deutschen lange nicht mehr mit so viel ruhigem Selbstbewusstsein und – relativer – Zufriedenheit auf ihr Land geblickt haben wie heute.

          Bild: F.A.Z.

          So lässt sich beispielsweise die verbreitete Vorstellung, wonach sich mehr und mehr Bürger ohnmächtig gegenüber dem Staat fühlten, nicht mit den Umfrageergebnissen in Einklang bringen, etwa mit den Antworten auf die Frage „Hat man als Bürger Einfluss auf das, was hier am Ort geschieht, oder ist man da machtlos?“ 1992, als die Frage zum ersten Mal gestellt wurde, meinten lediglich 22 Prozent der Deutschen, man habe als Bürger Einfluss auf die Entscheidungen am Ort, heute liegt der Anteil bei 37 Prozent. Die Zahl derer, die die Bürger für machtlos halten, ist in der gleichen Zeit von 55 auf 39 Prozent gesunken.

          Demonstration in Dresden : Weniger Zulauf für Pegida

          Auch die Zufriedenheit mit dem demokratischen System hat in den vergangenen Jahren eher zu- als abgenommen. Auf die Frage „Wie zufrieden sind Sie im Allgemeinen mit der Demokratie in der Bundesrepublik und unserem ganzen demokratischen System?“ antworteten 2003 29 Prozent, sie seien nicht zufrieden. Heute liegt der Anteil mit 16 Prozent deutlich darunter. Umgekehrt ist die Zahl derer, die ausdrücklich sagen, sie seien mit der Demokratie sehr zufrieden, von 11 auf 18 Prozent gestiegen. Eine große Mehrheit von damals 56, heute 61 Prozent, entscheidet sich für die mäßig enthusiastische Antwort, sie seien mit dem demokratischen System „einigermaßen zufrieden“. Man kann diese Zahlen für wenig eindrucksvoll, ja für unbefriedigend halten, doch von einem wachsenden Zorn auf das politische System ist nichts zu erkennen.

          Doch der Wandel der Wahrnehmung des eigenen Landes reicht noch viel tiefer. Er erstreckt sich nicht allein auf das politische System, sondern es gibt Anzeichen dafür, dass sich das Selbstbild der Deutschen verändert.

          Bild: F.A.Z.

          1987 veröffentlichten Elisabeth Noelle-Neumann und Renate Köcher ein Buch mit dem Titel „Die verletzte Nation“. Sie beschrieben darin das gebrochene Verhältnis vieler Deutscher zu ihrer nationalen Identität. Die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten machten es der westdeutschen Bevölkerung offensichtlich schwer, jenes unbefangene Nationalbewusstsein zu entwickeln, das – wie sich in international vergleichenden Umfragen zeigte – für viele andere Völker so selbstverständlich schien. Ein Volk, schrieb der schottische Sozialwissenschaftler Richard Rose damals, brauche ein Jahrhundert, um sich von den Folgen einer verheerenden Niederlage psychologisch zu erholen. Die Umfrageergebnisse der achtziger Jahre schienen diese Analyse zu bestätigen.

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