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Deutsche Dschihadisten : Bis dass der Tod sie scheidet

Inzwischen abgeschaltet: Die Facebook-Seite der jungen Syrien-Reisenden Sarah O. Bild: Archiv

Unter den salafistischen Syrien-Reisenden ist auch in Deutschland ein reger Heiratsmarkt entstanden. In einem Fall handelt es sich sogar um eine richtige Dschihadisten-Großfamilie.

          Der Ältere war der erste. Die Hochzeit von Emre S. fand in Syrien statt, wahrscheinlich in einem der Dschihadistenlager irgendwo in der Nähe der vom Bürgerkrieg gezeichneten Stadt Aleppo. Emre S., ein 22 Jahre alter Dschihadist aus Köln, heiratete in Syrien eine junge Muslimin, sie ist 19 Jahre alt. Sein ein Jahr jüngerer Bruder Ismail S. folgte seinem Beispiel vor zwei Monaten. Am 4. Januar ehelichte er die damals noch 15 Jahre alte Sarah O. Die Gymnasiastin aus Konstanz war, Ende Oktober vom Stuttgarter Flughafen heimlich in die Türkei und von dort weiter nach Syrien gereist. Ihr Wunsch, einen islamistischen Kämpfer zu heiraten, ging rasch in Erfüllung. Das Mädchen wird, wie das Landeskriminalamt Baden-Württemberg mitgeteilt hat, in Syrien an der Waffe ausgebildet. „Schlafen, Essen, Schießen, Lernen Vorträge anhören“, schrieb sie ihren Freundinnen über ihren Tagesablauf, wie die Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung berichtete. „Ich bin jetzt übrigens bei Al Qaida.“

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Ismail S., hatte sogar noch versucht, am Telefon die Einwilligung des Vaters seiner zukünftigen Braut einzuholen – vergeblich. Der Vater hörte damals mehrere deutsche Stimmen im Hintergrund. Die Behörden vermuten, dass sich Emre, Ismail und Sarah in einem der „deutschen“ Camps in der Nähe von Aleppo aufhalten, einem Ort, zu dem besonders viele deutsche Islamisten reisen. Das sind keine festen Lager. Die Dschihadistenmilizen sollen häufig ihre Standorte wechseln. Ismail nennt sich jetzt Abu Huraira; sein Kampfname geht zurück auf einen Gefährten des Propheten Mohammed. Sara nennt sich Amatul Aziz al Muhajira, stilisiert sich damit zur Magd des Allmächtigen, die ausgezogen ist wie einst der Prophet von Mekka nach Medina.

          Mittlerweile sind mindestens 300 extremistische Islamisten aus Deutschland nach Syrien ausgezogen. Viele sind sehr jung. „Das bricht jetzt über uns herein“, sagt ein Ermittler. Es würden Woche zu Woche mehr. Er geht von dutzenden Frauen aus, die sich dem Dschihad in Syrien angeschlossen haben. Im Internet ist eine dschihadistische Parallelwelt entstanden, in der nicht nur Hasspredigten und Schreckensbilder verbreitet werden. Er werden auch Modefragen diskutiert – und Hochzeiten vermittelt. Am 4. März wurde auf Facebook eine neue Dschihad-Ehe verkündet. Eine Extremistin aus Nordrhein Westfalen ehelichte einen jungen Kämpfer aus Deutschland. Die Hochzeit wurde auf Facebook mit küssenden Smileys gefeiert. Gratuliert wurde meist auf arabisch. Zuvor hatte die junge Frau Bilder aus einem Ort namens „Al Bab“ (das Tor) verbreitet. Es sind graue Skelette und Rohbauten entlang einer Schotterpiste zu sehen. Über der Szenerie weht die schwarze Flagge von Al Qaida.

          Dschihad-Bande wird Terrorbande

          Der Wunsch der Kämpfer, eine gleichgesinnte Frau zu finden, oder die Sehnsucht der Frauen, einen Dschihadkämpfer zu heiraten, ist weit verbreitet. Die Frauen in dieser Dschihadistenwelt feiern die „Löwen“ an der Front. Dschihad-Bande werden zunehmend auch Familienbande. Die Geschichte der Brüder S. ist die Geschichte einer dschihadistischen Großfamilie.

          Den deutschen Sicherheitsbehörden sind Emre und Ismail lange bekannt, sie werden als „relevante Personen“ eingestuft. Die Deutschen türkischer Herkunft wurden in Brühl geboren, ihre Schulzeit verbrachten sie in Köln. Der eine, Ismail, besuchte eine katholischen Hauptschule, der andere eine Gemeinschaftshauptschule im Stadtteil Rodenkirchen. Als sie die Schule verließen, waren sie schon auf dem Weg in eine Dschihadistenkarriere. Am 23. August 2008 fassten sie den Entschluss, sich Waffen zu besorgen. Sie lockten dafür zusammen mit einem Freund die Besatzung eines Streifenwagens der Polizei in einen Hinterhalt. Einer der drei meldete über Notruf, dass eine hilflose Person auf der Straße liege. Als eine Polizistin und ihr Kollege an dem Ort eintrafen, griff das vermeintlich wehrlos liegende Opfer an. Die beiden anderen sprangen aus dem Hinterhalt mit Messern bewaffnet hinzu. Die Polizisten feuerten Warnschüsse ab, die Angreifer flohen. Sie wurden kurze Zeit später festgenommen. Bei den Vernehmungen sagten sie aus, sie hätten mit den Waffen in den Heiligen Krieg ziehen und amerikanische Soldaten in Heidelberg töten wollen. Der Fall schockierte die Ermittler – Ismail und Emre waren erst 16 und 17 Jahre alt. Der Fall wirkt aus heutiger Sicht wie ein Menetekel.

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