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Deutsche Impfstoff-Verteilung : Eine Gelegenheit, Größe zu zeigen

Ein medizinischer Impfzentrumsleiter simuliert bei einer Probe das Impfen einer Frau. Bild: dpa

Die Bevölkerung-Priorisierung kann der Schlüssel zum Erfolg der deutschen Impfkampagne werden. Doch damit die Rechnung aufgeht, müssen genügend Menschen mitziehen – das wird ein Test für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

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          Wenn es darum geht, wie der Impfstoff gegen das Coronavirus in die Körper der Deutschen gelangen soll, sind die Aufgaben auf den ersten Blick klar verteilt. Der Bund beschafft das Vakzin und legt fest, wer den Impfstoff zuerst bekommen soll. Die Länder haben die Aufgabe, die Impfungen zu organisieren und jene zu informieren, die ganz oben auf der Prioritätenliste stehen. Doch in der Praxis lässt sich das nicht ohne weiteres trennen. Die Impfzentren der Länder können nur Termine zur Impfung vereinbaren, wenn sie genügend Dosen des Vakzins haben. Die Länder können erst dann damit beginnen, Angehörige der Gruppe mit der höchsten Priorität einzuladen, wenn sie wissen, wer zu dieser Gruppe gehört.

          Die Priorisierung der Bevölkerung ist in vielerlei Hinsicht der Schlüssel zum Erfolg der Impfkampagne. An diesem Freitag soll sie durch eine Verordnung im Detail festgelegt werden. Dass ein nach medizinischen Kriterien planvolles Vorgehen die Wahrscheinlichkeit maximiert, die Pandemie so früh wie möglich in den Griff zu bekommen, liegt auf der Hand. Doch jenseits wissenschaftlicher Kriterien spielt es eine wesentliche Rolle, ob die Priorisierung unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen – Hochbetagte, Pflegebedürftige und medizinisches Personal stehen laut den Empfehlungen von Fachleuten ganz oben – von der Gesellschaft insgesamt als fair betrachtet wird. Nur wenn das der Fall ist, werden sich genügend Menschen für die freiwillige Impfung entscheiden. Und es müssen sich viele dafür entscheiden, damit die Rechnung der Regierung aufgeht.

          Ganz gleich, wie gut Bund und Länder ihr Vorgehen auch erklären: Die Verteilung des Impfstoffs wird ein Test für den Zusammenhalt in der Gesellschaft werden. Die Vernunft verlangt von Jüngeren und Gesunden, ihre eigenen Interessen zugunsten anderer zurückzustellen. Gewiss, manche werden sich aufregen, sich benachteiligt fühlen und vielleicht sogar vor Gericht ziehen. Doch man kann es auch als Chance betrachten. Es ist eine Gelegenheit, Größe zu zeigen. Und Nächstenliebe, im besten christlichen Sinne.

          Kim Björn Becker
          Redakteur in der Politik.

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