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Deutsche Burschenschaft : Kleiner und rechter

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Kaputt: Ein Burschenschafter hinter einer gesprungenen Scheibe in Stuttgarts Liederhalle im November 2012. Bild: dpa

Die Deutsche Burschenschaft hat seit vergangenem Herbst viele Mitglieder verloren. Die liberalen Verbindungen wollen den braunen Spuk im Dachverband nicht mehr mitmachen.

          “O alte Burschenherrlichkeit, / Wohin bist du entschwunden? / Nie kehrst du wieder, goldne Zeit, / So froh und ungebunden!“ Die ersten Verse des von Verbindungsstudenten gerne gesungenen Liedes lassen sich in der Deutschen Burschenschaft (DB) derzeit kaum ohne makabren Beiklang intonieren. Für manchen Burschenschafter dürften sie einem Grabgesang gleichkommen. Was hier zu Grabe getragen wird, ist nicht weniger als der traditionsreiche Verband selbst - zumindest in seiner seit Jahrzehnten bestehenden Form.

          20 Verbindungen sind seit dem Herbst aus der DB ausgetreten, weitere könnten folgen. Zwar hatten schon 1996 einige Verbindungen, die nicht mehr verpflichtend fechten wollten, die DB verlassen und sich in der Neuen Deutschen Burschenschaft (NDB) zusammengefunden. Doch damals waren es nur sieben Verbindungen, die auch mit der politischen, eher rechten Ausrichtung des Verbandes haderten. Das Medienecho blieb verhalten. Diesmal aber gab es nicht nur massiven Ärger innerhalb der DB, der Streit sorgte auch außerhalb für Schlagzeilen. Das ist bemerkenswert, galt die mit ihren Vorläufern bald 200 Jahre alte Organisation doch als fest verschworen, die Auseinandersetzungen intern regelte und sich wenig darum scherte, was andere über sie dachten.

          Die rote Linie der Liberalen

          Der Burschentag 2012 in Eisenach, auf dem sich jährlich die Mitglieder der DB am Wochenende nach Pfingsten aus Deutschland und Österreich auf der Wartburg treffen, bedeutete das Ende dieser Grundsätze. Der schon länger schwelende Streit zwischen dem liberalen und rechtskonservativen Flügel eskalierte öffentlich - aus gutem Grund. Der damalige Chefredakteur der Verbandszeitung „Burschenschaftliche Blätter“, Norbert Weidner, hatte das Todesurteil gegen den evangelischen Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer „rein juristisch“ als „gerechtfertigt“ bezeichnet. Für liberale Burschenschafter war damit die rote Linie überschritten. Bereits im Vorjahr hatte eine rechte Bonner Verbindung, der auch Weidner angehört, einen Grundsatzstreit auf dem Burschentag provoziert. Sie stellte den Antrag, die Mannheimer Burschenschaft Hansea aus dem Dachverband auszuschließen, weil sie einen chinesischstämmigen Studenten in ihren Reihen hat. Teile der DB legen großen Wert auf die „Deutschstämmigkeit“ ihrer Mitglieder.

          Auch was ihre Mützen betrifft, wird die Deutsche Burschenschaft künftig weniger bunt sein. Bilderstrecke

          Der Versuch, Weidner in Eisenach abzuwählen, misslang. Wenige Monate später auf einem Sondertreffen in Stuttgart musste er als Schriftleiter dann doch zurücktreten. Das aber war der einzige Erfolg der liberalen Kräfte. Sie scheiterten mit ihrem Antrag, wonach die DB künftig befugt sein sollte, einzelne Burschenschafter direkt zu bestrafen, die das Ansehen des Verbandes beschädigen. Auch wurde ihr Vorschlag zurückgewiesen, die Mitgliedschaft in verfassungsfeindlichen Vereinigungen als unvereinbar mit der Zugehörigkeit zu einer Burschenschaft anzusehen. Eine Unvereinbarkeit wurde nur für „nationalsozialistische“ Vereinigungen festgestellt - nicht aber für rechtsextreme, die im Verfassungsschutzbericht auftauchen.

          Charaktervolle Männer und zufällige Grenzen

          Seitdem ist die Burschenherrlichkeit dahin. Zwar gehören der DB auch nach dem Austritt der 20 Verbindungen noch knapp 100 Bünde an. Diese aber werden es künftig noch schwerer haben, sich glaubwürdig von rechtsradikalem Gedankengut zu distanzieren. Dass sie daran überhaupt ein Interesse haben, lässt sich indes bezweifeln, blickt man auf die Weichenstellungen an der Spitze des Verbandes. An ihr steht seit Anfang des Jahres die Wiener akademische Burschenschaft Teutonia. Wessen Geistes Kind sie ist, verrät bereits ein flüchtiger Blick ins Internet auf die „Netzseite“ der Teutonia, die sich zum Ziel gesetzt hat, „ihre Mitglieder zu charaktervollen Männern zu erziehen“. Darunter versteht sie „das mannhafte Eintreten“ für Heimat und Volk sowie die „Pflege von völkischem Wesen“. Als Mitglied der Burschenschaftlichen Gemeinschaft, einer radikalen Gruppierung innerhalb der DB, hängt sie einem Vaterlandsbegriff nach, der sich auf „das deutsche Volk in seiner Gesamtheit“ bezieht und „nicht auf einzelne deutsche Staaten mit zeit- und geschichtsbedingt zufälligen Grenzen“.

          Außerdem findet sich auf dem Terminkalender der Wiener Burschen am 10. November 2012 der Eintrag „Schönererkneipe“. Das Urteil über die Person, der mit der Kneipe gehuldigt wird, Georg Ritter von Schönerer, fällt einhellig aus: Schönerer sei ein radikaler Antisemit mit starkem Einfluss auf Adolf Hitler gewesen, sagen Historiker. In „The Origins of Totalitarianism“ nannte ihn Hannah Arendt „einen geistigen Vater Hitlers“. Der Teutonia ist der „Führer der Alldeutschen Vereinigung“ trotzdem ein Vorbild.

          Ramsauer: „Dreiste rechtslastige Provokationen“

          So rückt die DB weiter nach rechts und wird kleiner. Durch den Exodus der liberalen Bünde wird sie zum Tummelplatz für nationalistisch Verblendete. Unter den letzten Burschenschaften, die dem Verband den Rücken kehrten, ist die Münchner Burschenschaft Franco-Bavaria. Sie war mit mehr als 300 Mitgliedern die größte Verbindung der 1818 gegen feudale Kleinstaaterei und für Meinungsfreiheit gegründeten Allgemeinen Deutschen Burschenschaft. Der Austritt schmerzt den Verband nicht nur zahlenmäßig. Die DB verliert auch ein bekanntes Gesicht. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) ist Mitglied der Franco-Bavaria.

          Die Dachvereinigung hat somit ihren politisch ranghöchsten Burschenschafter verloren. In einem Interview mit der „Schwäbischen Zeitung“ warf Ramsauer unlängst seinen einstigen Verbandsbrüdern „immer dreister werdende rechtslastige Provokationen“ vor. Er sei es leid, in den Postillen völkisch geprägter Verbindungen neben dem Emblem der NPD und neben sächsischen Landtagsabgeordneten dieser Partei abgebildet zu werden. „Es ist mir guten Gewissens nicht mehr möglich, mich zur Deutschen Burschenschaft zu bekennen oder gar mich für diese zu engagieren“, sagte Ramsauer. Zur Wahrheit gehöre, dass der Rechtsruck im Verband mit der Aufnahme österreichischer Gruppen wie der Wiener Teutonia im Jahr 1971 drastisch an Fahrt gewonnen habe.

          Bloggen für die Burschenherrlichkeit

          Ob sich die ausgetretenen Burschenschaften in einem neuen Verband zusammenschließen, ist noch nicht entschieden. Manche der ehemaligen DB-Mitglieder arbeiten aber jetzt schon zusammen: Die Initiative „Burschenschafter gegen Neonazis“ bloggt unter anderem auch im Internet gegen ihre ehemaligen Dachverbandsbrüder. Sie will die Behörden auf rechtsextreme Burschenschafter aufmerksam machen, akademischen Rechtsextremismus öffentlich diskutieren und die Gründung einer „neuen Organisationsstufe für demokratische Verbindungsstudenten und Verbindungsstudentinnen“ begleiten.

          Die Initiative hat bislang jeden Austritt aus der DB auf ihrer Plattform gemeldet. Den jüngsten Rückzug der Münchener Burschenschaft Arminia-Rhenania sehen die Blogger als weiteren „schweren Schlag für den Verband“: Damit verliere die DB auch den innenpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Hans-Peter Uhl (CSU), der Mitglied der Arminia-Rhenania ist. „Es fehlen nun zwei wichtige politisch-psychologische Schutzschilde“, schreiben die Blogger auf ihrer Seite. Sie könnten die mediale Speerspitze sein, wenn es darum geht, die Burschenherrlichkeit an anderer Stelle und in anderer Form wieder aufleben zu lassen - „froh und ungebunden“, wie es in dem alten Studentenlied heißt.

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