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Deutsche Bischofskonferenz : Die Zeit ist reif

Reinhard Marx wurde Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, weil die Zeiten sich geändert haben und sich Zeichen für Führungsversagen häuften. Anders als Papst Franziskus hat Marx kein eindeutiges Mandat.

          3 Min.

          Wie die Szenen sich gleichen: Am 13. März 2013 wurde jener Mann zum Papst gewählt, der im Konklave acht Jahre zuvor unterlegen war. Kardinal Jorge Mario Bergoglio, Erzbischof von Buenos Aires, wurde Nachfolger von Joseph Ratzinger. Fast auf den Tag genau ein Jahr später wählten die deutschen Bischöfe denjenigen zu ihrem Vorsitzenden, den sie sechs Jahre zuvor hatten scheitern lassen: Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, steht als Nachfolger des mittlerweile emeritierten Freiburger Erzbischofs Robert Zollitsch an der Spitze der Deutschen Bischofskonferenz.

          Beide Männer waren vor Jahren aus demselben Grund gescheitert: Ratzinger und Zollitsch verhießen Kontinuität. Der eine sollte als Papst theologische Linien des Pontifikats Johannes Pauls II. fortschreiben, die er selbst maßgeblich bestimmt hatte, der andere die katholische Kirche in Deutschland im „dialogischen“ Geist des II. Vatikanischen Konzils und der Gemeinsamen Synode der Bistümer der Bundesrepublik Deutschland führen. Für einen Bruch mit der Vergangenheit war die Zeit nicht reif.

          Dabei waren weder Bergoglio noch Marx als kirchenpolitische Luftikusse oder als Bruder-Leichtfuß-Theologen bekannt. Der Argentinier sollte noch im Jahr 2010 vehement gegen die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare zu Felde ziehen. Marx galt als durchaus moderat. Als Bischof von Trier war er im Jahr 2006 Gastgeber des Saarbrücker Katholikentags gewesen, bei dem führende Mitglieder der in vielen Bistümern geächteten Schwangerenberatungsorganisation „donum vitae“ selbstverständlich mitwirkten. In München hatte er zu dem Zweiten Ökumenischen Kirchentag eingeladen, der dann im Jahr 2010 in der bayerischen Landeshauptstadt stattfand. Doch beide Männer standen gegen die Mehrheit. Im Konklave 2005 war Bergoglio der Kandidat der Anti-Ratzinger-Kardinäle; in der Bischofskonferenz ließ sich Marx 2008 vom Kölner Kardinal Joachim Meisner zum Kronzeugen der Anti-Lehmann-Kräfte machen.

          Beim zweiten Mal war dann die Zeit reif - für beide. Nicht, weil die Kardinäle eine Wesensveränderung durchgemacht hätten. Die Umstände ließen sie in einem anderen Licht erscheinen. Unter Papst Benedikt hatten die Machenschaften selbst seiner wichtigsten Vertrauten ein Ausmaß erreicht, das außer der Person des Papstes auch das Amt irreversibel zu beschädigen drohte. Es ist das große Verdienst Benedikts, dass er diesem Treiben durch seinen Amtsverzicht ein Ende setzte und dadurch das Kardinalskollegium ermächtigte, einen Reformpapst zu wählen.

          Deutsche Parallelen zu den Vorgängen in Rom gibt es auf den ersten Blick nicht, zumal Zollitsch seine sechsjährige Amtszeit bis zum letzten Tag auskostete. Doch die Zeichen, die auf personelle Auszehrung und systembedingtes Führungsversagen in der Bischofskonferenz hindeuten, haben sich in den vergangenen Jahren gehäuft. Jahrelang unbesetzte Bischofsstühle, Missmanagement in der Missbrauchsaffäre, das im Scheitern des Projekts zur wissenschaftlichen Aufarbeitung sexueller Gewalt gegen Minderjährige und Schutzbefohlene kulminierte, „kollegiale“ Solidarität mit dem auf Abwegen wandelnden Limburger Bischof Tebartz-van Elst, der Zusammenbruch der Verlagsgruppe Weltbild - das sind, bildlich gesprochen, nur die Spitzen des Eisbergs.

          Jenseits der Wahrnehmung der Öffentlichkeit gibt es viele größere und kleinere Dramen. Der Bogen reicht von der wieder führungslosen Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt über Tatenlosigkeit bei der vor 15 Jahren beschlossenen Stärkung des Wissenschaftsstandortes Berlin bis zur schleichenden Implosion volkskirchlicher Strukturen. Doch auch zwanzig Jahre nach den ersten Ansätzen, die Strukturen der Seelsorge der sinkenden Zahl der Priester und der Gläubigen anzupassen und „missionarisch“ Kirche zu sein, gibt es längst keinen Konsens über die Ziele, geschweige denn über die richtigen Wege dorthin. Doch die Zeiten sind zu ernst, als dass „Dialog“-Appelle den Blick auf die Ursachen der Krise noch länger verdecken sollten. Denn die Bischofskirche erodiert nicht nur an den Rändern, sondern in ihrem Kern. Viele Gläubige, vor allem junge, fühlen sich als Komparsen in mäßig erfolgreichen Inszenierungen hierarchischer Machtverwaltung - und wenden sich ab.

          So enden die Parallelen zwischen dem Vatikan und Deutschland nicht erst beim zeitlichen Vorsprung von einem Jahr, den Franziskus, der Kirchenreformer, vor dem deutschen Kardinal hat. Anders als der Argentinier hat der Wahlbayer kein eindeutiges Mandat, um in Deutschland neue Saiten aufzuziehen. Im vierten Wahlgang erreichte Marx mit knapper Not die Schwelle zur absoluten Mehrheit. Jetzt muss der ebenso blitzgescheite wie machtbewusste Marx zeigen, dass er ein Teil der Lösung ist. In Rom hat Franziskus mit Gesten und Taten viele Skeptiker für sich eingenommen; in Deutschland liegt es in Marxens Hand, seinem Wahlspruch von der Spitze der Bischofskonferenz aus Geltung zu verschaffen: „Wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit.“

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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