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Deutsche Bischöfe : Predigen in der Todeszone

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann meldet sich unerschrocken zu Wort: Als Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für alle Fragen im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch blickt er zugleich in Abgründe Bild: dpa

In der katholischen Kirche in Deutschland macht sich ein Gefühl der Befreiung breit. Bischöfe wie der Trierer Ackermann oder der Essener Overbeck äußern sich mittlerweile unerschrocken über Sexualmoral oder Zölibat. Dennoch gelten sie auch im Vatikan als Kandidaten für die Meisner-Nachfolge.

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          Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt – aber von wem und warum? Bei der Besetzung von Bischofsstühlen in der katholischen Kirche in Deutschland ließ sich diese Frage bis vor kurzem relativ leicht beantworten. Wer in den neunziger Jahren in der Debatte über das Für und Wider des Verbleibs der katholischen Kirche in der gesetzlichen Schwangerenberatung gegen den von Joseph Kardinal Ratzinger forcierten Ausstieg argumentiert hatte, konnte nicht damit rechnen, jemals auf einer der im Vatikan zusammengestellten Dreierlisten (Terna) zu stehen, aus denen die Domkapitel im Geltungsbereich des Preußen- und des Baden-Konkordates einen der Kandidaten zum Bischof wählen müssen. Auch bei der „freien“ Ernennung der Bischöfe durch die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI., wie sie das Bayern-Konkordat vorsieht, konnte man sicher sein, dass alle Kandidaten gründlich auf ihre sogenannte Papsttreue hin überprüft worden waren.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Freilich setzte sich das Kriterium Papsttreue aus mehr als nur einer Schicht zusammen. Die Haltung zur Schwangerenberatung war im Raum der Kirchenpolitik und des bloßen Gehorsams zu verorten. Auf der gewichtigeren Ebene der Rechtgläubigkeit kamen zwei andere Schichten zum Tragen: Die Einstellung der Kandidaten zur Frage der Priesterweihe von Frauen und zur Sexualethik, insbesondere dem Verbot künstlicher Empfängnisverhütung durch das Lehrschreiben „Humanae Vitae“ Papst Pauls VI. aus dem Jahr 1968.

          Geistliche, über die in der einen oder anderen Hinsicht Abträgliches bekannt oder bekanntgemacht wurde, konnten sicher sein, dass sie eines nicht würden: Bischof. Dasselbe galt im Übrigen für die Erteilung des „nihil obstat“ als Voraussetzung für die Berufung auf einen Lehrstuhl an einer staatlichen oder kirchlichen Katholisch-Theologischen Fakultät.

          Eliminierung nicht papsttreuer Bischofsanwärter

          Die Auswirkungen dieser an eine „Omertà“ gemahnende Tabuisierung akademisch oder seelsorgerlich motivierter Diskurse sind mittlerweile mit Händen zu greifen. So ist der akademische Nachwuchs im Fach Moraltheologie so dünn gesät wie in kaum einem anderen Fach: Wer sich Hoffnungen auf eine akademische Karriere machte, war gut beraten, die vielen potentiellen „Todeszonen“ auf dem Feld der Sexualmoral weit zu umfahren. Die Folge: In den gesellschaftlichen Debatten über ethische Fragen wie Sterbehilfe, Organspende oder Präimplantationsdiagnostik ist die Stimme der Moraltheologie immer weniger vernehmbar. Ausnahmen wie der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff bestätigen die Regel.

          Auch in den Reihen der Bischöfe hat das weitverbreitete Misstrauen gegen die deutsche akademische Theologie und die systematische Eliminierung von angeblich nicht „papsttreuen“ Kandidaten längst ihre Spuren hinterlassen.

          Der Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann beklagt eine "tiefe Kluft" zwischen katholischer Lehre und Lebenswirklichkeit vieler Kirchenmitglieder

          So sind unter den Bischöfen, die in den vergangenen zwanzig Jahren gewählt oder ernannt worden sind, kaum noch gestandene Professoren wie einst Karl Lehmann oder Walter Kasper. Der Münchner Kardinal Reinhard Marx lehrte vor seiner Ernennung zum Weihbischof in Paderborn im Jahr 1996 einige Monate lang Christliche Gesellschaftslehre, der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst hatte gerade einmal zwei Jahre einen Lehrstuhl für Pastoraltheologie und Liturgiewissenschaft in Passau, der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer war als Lehrstuhlinhaber in Trier nur Eingeweihten bekannt. Auf internationale Reputation konnte nur Voderholzers Vorgänger Gerhard Ludwig Müller verweisen. Der Schüler des Professors Karl Lehmann und heutige Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre lehrte vor seiner Berufung nach Regensburg im Jahr 2002 viele Jahre an der Universität München.

          Fragebogen zum Thema Familie

          Glaubt man den Worten von Papst Franziskus über die Qualifikation von Bischöfen, dann dürfte es in den kommenden Jahren bei dem Mangel an Wissenschaftlern unter den deutschen Bischöfen bleiben. Die päpstlichen Botschafter (Nuntien), denen bei der Auswahl der Kandidaten in den einzelnen Ländern eine Schlüsselrolle zukommt, ließ er im vergangenen Juni wissen, große Theologen sollten an den Universitäten bleiben und dort viel Gutes tun. „Aber Hirten? Die brauchen wir.“

          Papsttreue hatten sich demnach seit dem 13. März 2013 auf anderen Feldern zu bewähren als in dem Beschweigen oder der Verteidigung der katholischen Verbotsmoral. Zwar ist nicht bekannt, ob der Fragebogen, der der charakterlichen Beurteilung eines potentiellen Bischofskandidaten zugrunde liegt, seit dem Amtsantritt von Papst Franziskus überarbeitet oder ob gar der Hinweis auf „Humanae vitae“ getilgt wurde. Doch die deutschen Bischöfe ließen es sich unter Führung ihres scheidenden Vorsitzenden Robert Zollitsch im vergangenen November nicht nehmen, den vatikanischen Fragebogen zur Vorbereitung der kommenden Bischofssynode über das Thema Familie publik zu machen und die Gläubigen um Auskunft über ihre Einstellung gegenüber Geburtenregelung, wiederverheirateten Geschiedenen oder Homosexualität zu bitten.

          Bischofskonferenz veröffentlichte „ihre“ Antwort

          Mehr noch: Bischöfe wie der Mainzer Kardinal Lehmann und selbst der Kölner Kardinal Meisner veröffentlichten auf eigene Faust das vielfältige Echo, das die zumeist ungelenkten Fragen gefunden hatten. Doch damit noch immer nicht genug: Als (bislang) einzige neben der Schweizerischen veröffentlichte die Deutsche Bischofskonferenz in dieser Woche „ihre“ Antwort auf die vatikanischen Fragen – eine ebenso ehrliche wie präzise Synthese der in die Zehntausende gehenden Zahl der (nichtrepräsentativen) Antworten der deutschen Katholiken.

          Diese Antworten wiederum lesen sich über weite Strecken so, als sei den Gläubigen mit der Initiative des Vatikans eine gewaltige Last von den Schultern genommen worden. Mit diesem Gefühl der Befreiung stehen sie nicht allein da. Zwei der jüngsten Bischöfe, der 51 Jahre alte Trierer Stephan Ackermann und der gerade einmal 49 Jahre alte Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen und in Personalunion Katholischer Militärbischof, aber mit Abstrichen auch der Münchner Kardinal Marx äußern sich mittlerweile in der Öffentlichkeit so unerschrocken und abwägend über alle dornigen Themen in der Kirche von A wie Angst über H wie Homosexualität bis Z wie Zölibat, wie es bis vor einem Jahr fast undenkbar war.

          „Zukunft auf katholisch“

          Mit dem Franziskus-Effekt allein ist diese Entwicklung nicht zu erklären. Overbeck berichtet rundheraus davon, sich in seinen nunmehr fünf Jahren als Ruhrbischof sehr verändert zu haben. Kurz nach seiner Bestellung zum Bischof etwa hatte er sich in einer Fernsehsendung zu der Äußerung provozieren lassen, Homosexuelle seien Sünder. Mittlerweile dürfte er derjenige Bischof in Deutschland sein, der sich am eingehendsten mit den seelsorgerlichen Aspekten der vielen Lebensformen beschäftigt, denen das Lehramt der Kirche das Etikett „irregulär“ anheftet. Zudem ist aus dem Essener Dialogprozess „Zukunft auf katholisch“ mittlerweile ein Zukunftsbild entstanden, das den radikalen Veränderungen der religiösen Landschaft des 21. Jahrhunderts Rechnung tragen will.

          Auch Ackermann hat in den vergangenen Jahren viele Lernprozesse durchgemacht. Seit dem Jahr 2010 blickt er als Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für alle Fragen im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch in menschliche und institutionelle Abgründe ohne Zahl. Und als erster Diözesanbischof seit Jahrzehnten hat er im vergangenen Jahr eine Synode genannte Bistumsversammlung anberaumt.

          Kein Wunder, dass beider Namen immer häufiger fallen, wenn es um die Besetzung der vielen Bischofssitze geht, die derzeit vakant sind oder in den kommenden Jahren vakant werden – allen voran um die Nachfolge des Kölner Kardinals Meisner. Dabei hätte man bis vor einem Jahr sicher sein können, dass die Namen Overbeck und Ackermann die ersten gewesen wären, die in Rom von den Kandidatenlisten gestrichen worden wären. Mittlerweile scheinen nicht wenige selbst in Rom darauf zu hoffen, dass Domkapitel hier und da den Mut aufbringen, starke Persönlichkeiten vorzuschlagen.

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