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Deutsche Bischöfe : Predigen in der Todeszone

Papsttreue hatten sich demnach seit dem 13. März 2013 auf anderen Feldern zu bewähren als in dem Beschweigen oder der Verteidigung der katholischen Verbotsmoral. Zwar ist nicht bekannt, ob der Fragebogen, der der charakterlichen Beurteilung eines potentiellen Bischofskandidaten zugrunde liegt, seit dem Amtsantritt von Papst Franziskus überarbeitet oder ob gar der Hinweis auf „Humanae vitae“ getilgt wurde. Doch die deutschen Bischöfe ließen es sich unter Führung ihres scheidenden Vorsitzenden Robert Zollitsch im vergangenen November nicht nehmen, den vatikanischen Fragebogen zur Vorbereitung der kommenden Bischofssynode über das Thema Familie publik zu machen und die Gläubigen um Auskunft über ihre Einstellung gegenüber Geburtenregelung, wiederverheirateten Geschiedenen oder Homosexualität zu bitten.

Bischofskonferenz veröffentlichte „ihre“ Antwort

Mehr noch: Bischöfe wie der Mainzer Kardinal Lehmann und selbst der Kölner Kardinal Meisner veröffentlichten auf eigene Faust das vielfältige Echo, das die zumeist ungelenkten Fragen gefunden hatten. Doch damit noch immer nicht genug: Als (bislang) einzige neben der Schweizerischen veröffentlichte die Deutsche Bischofskonferenz in dieser Woche „ihre“ Antwort auf die vatikanischen Fragen – eine ebenso ehrliche wie präzise Synthese der in die Zehntausende gehenden Zahl der (nichtrepräsentativen) Antworten der deutschen Katholiken.

Diese Antworten wiederum lesen sich über weite Strecken so, als sei den Gläubigen mit der Initiative des Vatikans eine gewaltige Last von den Schultern genommen worden. Mit diesem Gefühl der Befreiung stehen sie nicht allein da. Zwei der jüngsten Bischöfe, der 51 Jahre alte Trierer Stephan Ackermann und der gerade einmal 49 Jahre alte Franz-Josef Overbeck, Bischof von Essen und in Personalunion Katholischer Militärbischof, aber mit Abstrichen auch der Münchner Kardinal Marx äußern sich mittlerweile in der Öffentlichkeit so unerschrocken und abwägend über alle dornigen Themen in der Kirche von A wie Angst über H wie Homosexualität bis Z wie Zölibat, wie es bis vor einem Jahr fast undenkbar war.

„Zukunft auf katholisch“

Mit dem Franziskus-Effekt allein ist diese Entwicklung nicht zu erklären. Overbeck berichtet rundheraus davon, sich in seinen nunmehr fünf Jahren als Ruhrbischof sehr verändert zu haben. Kurz nach seiner Bestellung zum Bischof etwa hatte er sich in einer Fernsehsendung zu der Äußerung provozieren lassen, Homosexuelle seien Sünder. Mittlerweile dürfte er derjenige Bischof in Deutschland sein, der sich am eingehendsten mit den seelsorgerlichen Aspekten der vielen Lebensformen beschäftigt, denen das Lehramt der Kirche das Etikett „irregulär“ anheftet. Zudem ist aus dem Essener Dialogprozess „Zukunft auf katholisch“ mittlerweile ein Zukunftsbild entstanden, das den radikalen Veränderungen der religiösen Landschaft des 21. Jahrhunderts Rechnung tragen will.

Auch Ackermann hat in den vergangenen Jahren viele Lernprozesse durchgemacht. Seit dem Jahr 2010 blickt er als Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für alle Fragen im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch in menschliche und institutionelle Abgründe ohne Zahl. Und als erster Diözesanbischof seit Jahrzehnten hat er im vergangenen Jahr eine Synode genannte Bistumsversammlung anberaumt.

Kein Wunder, dass beider Namen immer häufiger fallen, wenn es um die Besetzung der vielen Bischofssitze geht, die derzeit vakant sind oder in den kommenden Jahren vakant werden – allen voran um die Nachfolge des Kölner Kardinals Meisner. Dabei hätte man bis vor einem Jahr sicher sein können, dass die Namen Overbeck und Ackermann die ersten gewesen wären, die in Rom von den Kandidatenlisten gestrichen worden wären. Mittlerweile scheinen nicht wenige selbst in Rom darauf zu hoffen, dass Domkapitel hier und da den Mut aufbringen, starke Persönlichkeiten vorzuschlagen.

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