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Deutschland und Israel : Die lange Reise

Bild: dpa

Das feste Band der Freundschaft zwischen Israelis und Deutschen kommt einem Wunder gleich. Doch auf Geschichte allein wird das künftige gegenseitige Verhältnis nicht gründen können.

          Besondere Beziehungen haben viele Länder; manche gründen in gemeinsamer Sprache, andere in gemeinsam Erlebtem in höchster Bedrängnis. Das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel ist auf historische, einmalige, unvorstellbare Art besonders. Als die diplomatischen Beziehungen vor fünfzig Jahren, am 12. Mai 1965, aufgenommen wurden, warf der Holocaust tiefe Schatten. Wie hätte es anders sein können nach dem Mord an Millionen Juden, nach deren planvoller Vernichtung? Dass viele Israelis empört über den diplomatischen Anfang waren - wer konnte sich darüber wundern?

          Im Rückblick muss man vielmehr sagen, dass es einem Wunder gleichkommt, dass nach den Schrecken der Vergangenheit ein so festes Band der Verbundenheit, ja der Freundschaft zwischen Israelis und Deutschen geknüpft worden ist. Israels Staatspräsident Rivlin hat dafür das Bild der Reise gewählt: Die Reise begann in der Dunkelheit, brachte uns gemeinsame Werte und eine breite Zusammenarbeit und wird uns in eine vielversprechende Zukunft führen.

          Diese Verbundenheit, die viele Jahre von Schuld und Scham, Trauer und Fassungslosigkeit lebte, drückt sich heute auf vielfältige, auf politische wie unpolitische Weise aus. Berlin ist für viele junge Israelis der „place to be“. Politisch steht Deutschland fest an der Seite Israels, selbst wenn man nicht immer der gleichen Meinung ist, etwa hinsichtlich der israelischen Siedlungspolitik.

          Wie ernst Deutschland die Verpflichtungen nimmt, die aus den Taten des Nazi-Regimes erwachsen sind, das hat nicht zuletzt Bundeskanzlerin Merkel im israelischen Parlament, der Knesset, quasi beglaubigt: Die Sicherheit Israels, sein Existenzrecht, ist Teil deutscher Staatsräson. Diese Verantwortung bestimmt weitgehend die deutsche Nahost-Politik. Für Israel wiederum, das in dem festen Willen agiert, dass Juden niemals wieder Opfer werden, ist Deutschland, von den Vereinigten Staaten abgesehen, der wichtigste Partner in der Welt. Jene, die vor fünfzig Jahren die ersten Schritte auf dieser deutsch-israelischen Reise taten, hätten sich das gewiss nicht träumen lassen.

          Nicht mehr selbstverständlich

          Aber es dürfte auch klar sein, dass die Zukunft des deutsch-israelischen Verhältnisses weniger von der Vergangenheit geprägt sein wird. Neue Generationen wachsen in Deutschland heran, für welche die besondere Verantwortung für Israel - durchaus im Unterschied zur politischen Klasse - nicht mehr selbstverständlich ist. Sie gehen härter mit der israelischen Politik ins Gericht als früher. Für junge Leute mit Migrationshintergrund ist die deutsche Kollektivverantwortung, von der Adenauer sprach, schwer zu verstehen. Der Satz des ehemaligen Bundespräsidenten Köhler, ebenfalls in der Knesset gesprochen, die Verantwortung für die Schoa sei Teil der deutschen Identität, dürfte auf Unverständnis vieler treffen, vermutlich auf Gleichgültigkeit angesichts einer neuen Normalität und angesichts neuer Aufgeregtheiten in einer nahöstlichen Welt, die in Flammen steht.

          Auf Geschichte allein wird das künftige deutsch-israelische Verhältnis nicht gründen können. Es wird auch jenseits davon neue zukunftsfeste Angebote suchen müssen, die für das Leben junger Leute in beiden Ländern von Belang sind. Aber diese Suche nach „modernen“ Gemeinsamkeiten kann nicht bedeuten, die historische Verpflichtung abzustreifen, so als ob alles erledigt sei. Die Werte, die Deutschland und Israel teilen, stärken die besondere Beziehung. Sie helfen, das Band von Zukunft und Erinnerung unauflöslich zu machen.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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