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Deutsch der Grundschüler : „Da hat man als Lehrerin schlaflose Nächte“

Kopfzerbrechen: Der CDU-Politiker Carsten Linnemann hat eine Debatte über mangelnde Deutschkenntnisse von Grundschülern angestoßen. Bild: dpa

Wenn Deutsch für zu viele Schüler eine fremde Sprache ist, kann das zu einem Problem werden. Der CDU-Politiker Carsten Linnemann hat einen Lösungsvorschlag gemacht – und damit Empörung ausgelöst. Im Interview sagt eine Lehrerin, was sie davon hält.

          Dorothee Kiniorski ist seit 41 Jahren Lehrerin, seit mehr als 20 Jahren unterrichtet sie an einer Grundschule in Darmstadt. Im Interview erklärt sie, was es für den Unterricht bedeutet, wenn Kinder kaum Deutsch sprechen und erzählt, was sie persönlich von einem Vorstoß des CDU-Politikers Carsten Linnemann hält. Er hatte der Zeitung „Rheinische Post“ gesagt, dass ein Kind, das kaum Deutsch spreche und verstehe, auf einer Grundschule noch nichts zu suchen habe und dafür viel Kritik geerntet. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur hob er am Dienstag hervor, dass Kinder vor der Einschulung sprachlich fit gemacht werden müssten. „Also brauchen wir verpflichtende Sprachtests im Alter von vier und dann Vorschulpflicht für alle, die schlecht Deutsch sprechen“, sagte Linnemann.

          Frau Kiniorski, Sie unterrichten an einer Grundschule in Hessen. Was bedeutet es für eine Klasse, wenn zu viele Kinder kaum Deutsch sprechen?

          Für Klassen mit einem hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund ist es schwieriger, noch drei geflüchtete Kinder, die fast kein Deutsch sprechen, aufzunehmen. Diese Kinder finden in Klassen mit hohem Migrantenanteil kaum Kinder, die ihnen ein gutes Sprachvorbild sein können. Somit lernen die Kinder auch viele Fehler voneinander. Da hat man als Lehrerin schlaflose Nächte, weil man nicht weiß, wie man den Kindern gerecht werden soll. Darum finde ich persönlich es wichtig, dass die Flüchtlingskinder möglichst gleichmäßig auf die Schulen verteilt werden.

          Sie unterrichten seit sechs Jahren Deutsch in sogenannten Intensivkursen. Was sind das für Kurse?

          Die Kinder, die ich in den Intensivkursen unterrichte, besuchen gewöhnliche Regelklassen und lernen stundenweise in besonderen Kursen Deutsch. Es gibt auch hessische Schulen, die den Kindern zunächst für einige Monate in separaten Intensivklassen Sprachunterricht und meist noch Mathematikunterricht erteilen. Nach meiner Erfahrung fällt es den Kindern trotz sprachlicher Schwierigkeiten in den Regelklassen leichter, Beziehungen zu knüpfen. In Kunst, Sport und Musik können sie schon gut mitmachen. Dann gelten sie nicht so als Exoten, wenn sie in der Pause auf einmal auftauchen und den anderen völlig unbekannt sind.

          Für Kinder, die zwar schulpflichtig, aber noch nicht schulreif sind, gibt es in Hessen Vorklassen. Wären diese Klassen geeignet für Kinder, die kaum Deutsch sprechen?

          In Vorklassen gehen vor allen Dingen Kinder, deren grob- und feinmotorische Fähigkeiten noch nicht so entwickelt sind oder die noch Nachholfbedarf bei sozialen Kompetenzen haben. Zwar ist Deutsch auch eine Grundvoraussetzung, aber wenn in die Vorklassen auch noch Kinder gehen sollen, die sehr wenig Deutsch sprechen, würde diese zusätzliche Anforderung den Rahmen sprengen.

          Linnemann hat auch gesagt, es müsse eine Vorschulpflicht greifen und notfalls müsse die Einschulung zurückgestellt werden.

          Für Kinder, die noch nicht schulpflichtig sind, gibt es bereits eine freiwillige Lösung. Hier in Hessen unterrichte ich seit zwei Jahren im sogenannten Vorlaufkurs Kinder, die bereits im letzten Kindergartenjahr Deutschunterricht an ihrer zukünftigen Grundschule bekommen können. Tatsächlich wäre es gut, die Kinder zu diesem Sprachunterricht zu verpflichten und ihn am Kindergarten stattfinden zu lassen und nicht wie gegenwärtig an der Schule. Aber dazu müssten die Lehrer mehr Zeit investieren können.

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