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Deutsch-französische Beziehungen : Maultaschen in Freundschaft

Lass uns dir zum Guten dienen: Nachher gibt es noch ein Beeren-Früchtle in Trollinger-Gelee Bild: REUTERS

Charles de Gaulle war kühn, als er sich in Ludwigsburg an die „Kinder eines großen Volkes“ wandte. Sein Nachfolger François Hollande besteht am selben Ort fünfzig Jahre später eine Mutprobe: Er trinkt einen „BW-Riesling“.

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          Pünktlich zur Mittagszeit klart der Himmel über dem Ludwigsburger Schloss auf, die Hubschrauber des französischen Präsidenten knattern über den Barockbau. Im Spiegelsaal des Schlosses, das Versailles zum Vorbild hat, warten Angela Merkel, Winfried Kretschmann und die Vorhut der französischen Delegation. Der Knies knirscht. Die Kameraleute bauen sich vor dem Südflügel des Schlosses auf. Der baden-württembergische Wirtschaftsminister Nils Schmid, der beste Frankreich-Kenner der Landesregierung, schleicht sich ins Schloss, er darf nur eine Nebenrolle spielen an diesem Tag.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Fünfzigtausend Menschen sind mit Sicherheit nicht auf den Straßen Ludwigsburgs wie damals vor fünfzig Jahren, als der französische Präsident Charles de Gaulle seine Deutschland-Reise mit einer „Rede an die Jugend“ im Schlosshof beendete. Diesen Tag wollen Hollande und Angela Merkel feiern. Es ist einer ihrer zahlreichen Erinnerungstermine. Sie gipfeln in den Feiern zum fünfzigsten Jubiläum des Élysée-Vertrages im Januar 2013 in Berlin.

          Damals: Kühne Worte von de Gaulle

          „Ich beglückwünsche Sie ferner, junge Deutsche zu sein, das heißt, Kinder eines großen Volkes. Jawohl, eines großen Volkes, das manchmal, im Laufe seiner Geschichte, große Fehler begangen hat. Ein Volk, dass aber auch der Welt geistige, wissenschaftliche, künstlerische, philosophische Werte gespendet hat.“ Das war der Schlüsselsatz Charles de Gaulles in Ludwigsburg. Da sprach ein Mann, der in zwei Weltkriegen gegen die Deutschen gekämpft hatte, aber auch ein Kenner der deutschen Philosophie war.

          De Gaulle wollte ein gemeinsames Europa gegen die Bedrohung aus dem Osten formen - mitten im Kalten Krieg. „Darum geht es in der großen Auseinandersetzung in der Welt, die sich in zwei getrennte Lager aufspaltet, die von Völkern Deutschlands und Frankreichs erheischt, dass sie ihrem Ideal die Treue halten, es mit ihrer Politik unterstützen, es gegebenenfalls verteidigen, und kämpfend bis zum Sieg führen.“ Kühne Worte. Das Kriegsende lag keine zwanzig Jahre zurück. In den Städten waren noch die Lücken zu sehen, die Bomben gerissen hatten.

          Kurz nach zwölf trifft die Wagenkolonne von François Hollande ein. Hollande, Angela Merkel und Winfried Kretschmann treten im Schlosshof vor ein ausgesuchtes Publikum. Kretschmann spricht kaum Französisch und hat Mühe, die Namen der Gäste korrekt auszusprechen. „Ich war damals 14 Jahre alt, die Rede war auch an mich gerichtet, welch noble Geste, er hat die Rede damals auf Deutsch gehalten und auswendig gelernt“, sagt der Ministerpräsident.

          Heute: Nüchterne Worte der Kanzlerin

          Die Rede de Gaulles in Ludwigsburg sei das Vermächtnis eines „weitsichtigen Europäers“ gewesen, sagt die Kanzlerin. „Erbfeindschaft, welch ein schreckliches Wort.“ Konrad Adenauer und Charles de Gaulle seien der Auffassung gewesen, dass es keine „natürlichen Feindschaften“ zwischen den Völkern geben dürfe, die deutsch-französische Freundschaft sei das beste Beispiel, wie sich Ressentiments überwinden ließen.

          Angela Merkel erzählt von ihrem eigenen Leben, davon, dass die Wiedervereinigung und mithin ihre Kanzlerschaft ohne ein vereintes Europa und die deutsch-französische Freundschaft nicht möglich gewesen wären. „Liebe Jugend, das Europa der Jugend liegt in euren Händen“, sagt Frau Merkel am Schluss. Es klingt nüchtern.

          Ganz anders François Hollande. Wenige Sätze verwendet er auf die „Kühnheit der Gründer“ des vereinten Europas, dann folgt ein Programm für die Zukunft. Es gelte, die Krise Europas zu überwinden, die ja im Kern eine „ethische Krise“ sei. „Die Antwort auf die Krise Europas kann nur eine Rückkehr nach Europa sein.“ Er ruft dazu auf, eine Finanz-, Banken- und soziale Union in Europa zu schaffen. Und - anders als im Manuskript - spricht er sogar von der „politischen“ Union.

          Hollandes Geste kommt an, die Zuhörer jubeln

          Die „Flamme der Freundschaft“ in den deutsch-französischen Beziehungen gelte es jeden Tag neu zu entzünden. Deutschland und Frankreich müssten bei der Entwicklung neuer Energie-Technologien enger zusammenarbeiten, die Forschung von deutschen und französischen Wissenschaftlern gelte es zu intensivieren, der kulturelle Austausch müsse enger werden. Der Sozialist warnt vor Rassismus, Populismus und Antisemitismus, nur ein Europa, das sich ethische verhalte, sei gegen diese Gefahren gewappnet.

          Am Ende seiner Rede wechselt der französische Präsident ins Deutsche: „Junge Damen, junge Herren, aus Deutschland und aus Frankreich, aus ganz Europa. Ihre Rolle ist es nun, dem europäischen Traum Wirklichkeit und Zukunft zu verleihen. Es lebe die deutsch-französische Freundschaft.“ Der letzte Satz gerät etwas holprig, doch die Geste kommt an. Die Zuhörer jubeln.

          Kretschmann, Angela Merkel und Hollande nehmen ein Bad in der Menge. Die Kanzlerin unterschreibt Schirmmützen von jungen Köchen. „Die kannst du jetzt bei eBay versteigern“, rät der Vater seinem achtjährigen Jungen. Einer Ludwigsburger Französischlehrerin gelingt es, dem französischen Präsidenten die Hand zu schütteln. Sie hat in Frankreich studiert, dort ihren deutschen Mann kennengelernt. Mit Hollandes Rede ist sie zufrieden: „Hollande hat Konkretes gesagt, es war ein Rundumschlag, er hat auch mitreißender gesprochen als die Kanzlerin.“

          Neben ihr steht eine Frau, die sich in der europäischen Pfadfinderbewegung engagiert. Auch sie lobt Hollande: „Die Hollande-Rede war berührender, weil er noch Visionen formuliert hat, weil er gesagt hat, wie er Europa prägen will.“ Auch Erwin Teufel, der ehemalige Ministerpräsident, ist da. Er sei „absolut zufrieden“ mit dem Festakt, sagt er in eine Kamera. Im Schlosshof stehen Zeitzeugen, die sich an de Gaulles Rede und dessen Fahrt im offenen Wagen durch Ludwigsburg gut erinnern können: „,Ich beglückwünsche Sie, junge Deutsche zu sein‘“ - diese Worte des französischen Präsidenten waren für uns unglaublich bewegend nach dem Krieg“, erzählt einer der Zeitzeugen.

          Bevor François Hollande und Angela Merkel in ein Gourmet-Restaurant nach Asperg fahren, dürfen sie noch württembergischen Wein probieren, für Hollande ist das eine Mutprobe. „BW-Riesling, wird voraussichtlich den Herrschaften angeboten“, heißt es im Plan der Protokollabteilung des Staatsministeriums. In Asperg reden sie vor allem über die mögliche Fusion des Raumfahrtunternehmens EADS mit dem britischen Unternehmen BAE-Systems. Als sie gemeinsam vor die Presse reden, sagen sie aber wenig darüber.

          Hollande spricht davon, dass der Vertiefung der Bankenunion eine große Bedeutung zukomme, dass die wirtschaftspolitische Steuerung verstärkt werden müsse. Frau Merkel fordert regelmäßige Treffen der Euro-Gruppe, um besser abzustimmen, wo „Wachstum“ generiert werden könne. Auf der Speisekarte in Asperg standen übrigens Maultaschen, Kalbshaxen und ein „Beeren-Früchtle in Trollinger-Gelee“. Bei einigen französischen Journalisten sorgt das für Stirnrunzeln. Was, bitte, ist Trollinger?

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