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Deutsch-französische Beziehungen : Maultaschen in Freundschaft

Ganz anders François Hollande. Wenige Sätze verwendet er auf die „Kühnheit der Gründer“ des vereinten Europas, dann folgt ein Programm für die Zukunft. Es gelte, die Krise Europas zu überwinden, die ja im Kern eine „ethische Krise“ sei. „Die Antwort auf die Krise Europas kann nur eine Rückkehr nach Europa sein.“ Er ruft dazu auf, eine Finanz-, Banken- und soziale Union in Europa zu schaffen. Und - anders als im Manuskript - spricht er sogar von der „politischen“ Union.

Hollandes Geste kommt an, die Zuhörer jubeln

Die „Flamme der Freundschaft“ in den deutsch-französischen Beziehungen gelte es jeden Tag neu zu entzünden. Deutschland und Frankreich müssten bei der Entwicklung neuer Energie-Technologien enger zusammenarbeiten, die Forschung von deutschen und französischen Wissenschaftlern gelte es zu intensivieren, der kulturelle Austausch müsse enger werden. Der Sozialist warnt vor Rassismus, Populismus und Antisemitismus, nur ein Europa, das sich ethische verhalte, sei gegen diese Gefahren gewappnet.

Am Ende seiner Rede wechselt der französische Präsident ins Deutsche: „Junge Damen, junge Herren, aus Deutschland und aus Frankreich, aus ganz Europa. Ihre Rolle ist es nun, dem europäischen Traum Wirklichkeit und Zukunft zu verleihen. Es lebe die deutsch-französische Freundschaft.“ Der letzte Satz gerät etwas holprig, doch die Geste kommt an. Die Zuhörer jubeln.

Kretschmann, Angela Merkel und Hollande nehmen ein Bad in der Menge. Die Kanzlerin unterschreibt Schirmmützen von jungen Köchen. „Die kannst du jetzt bei eBay versteigern“, rät der Vater seinem achtjährigen Jungen. Einer Ludwigsburger Französischlehrerin gelingt es, dem französischen Präsidenten die Hand zu schütteln. Sie hat in Frankreich studiert, dort ihren deutschen Mann kennengelernt. Mit Hollandes Rede ist sie zufrieden: „Hollande hat Konkretes gesagt, es war ein Rundumschlag, er hat auch mitreißender gesprochen als die Kanzlerin.“

Neben ihr steht eine Frau, die sich in der europäischen Pfadfinderbewegung engagiert. Auch sie lobt Hollande: „Die Hollande-Rede war berührender, weil er noch Visionen formuliert hat, weil er gesagt hat, wie er Europa prägen will.“ Auch Erwin Teufel, der ehemalige Ministerpräsident, ist da. Er sei „absolut zufrieden“ mit dem Festakt, sagt er in eine Kamera. Im Schlosshof stehen Zeitzeugen, die sich an de Gaulles Rede und dessen Fahrt im offenen Wagen durch Ludwigsburg gut erinnern können: „,Ich beglückwünsche Sie, junge Deutsche zu sein‘“ - diese Worte des französischen Präsidenten waren für uns unglaublich bewegend nach dem Krieg“, erzählt einer der Zeitzeugen.

Bevor François Hollande und Angela Merkel in ein Gourmet-Restaurant nach Asperg fahren, dürfen sie noch württembergischen Wein probieren, für Hollande ist das eine Mutprobe. „BW-Riesling, wird voraussichtlich den Herrschaften angeboten“, heißt es im Plan der Protokollabteilung des Staatsministeriums. In Asperg reden sie vor allem über die mögliche Fusion des Raumfahrtunternehmens EADS mit dem britischen Unternehmen BAE-Systems. Als sie gemeinsam vor die Presse reden, sagen sie aber wenig darüber.

Hollande spricht davon, dass der Vertiefung der Bankenunion eine große Bedeutung zukomme, dass die wirtschaftspolitische Steuerung verstärkt werden müsse. Frau Merkel fordert regelmäßige Treffen der Euro-Gruppe, um besser abzustimmen, wo „Wachstum“ generiert werden könne. Auf der Speisekarte in Asperg standen übrigens Maultaschen, Kalbshaxen und ein „Beeren-Früchtle in Trollinger-Gelee“. Bei einigen französischen Journalisten sorgt das für Stirnrunzeln. Was, bitte, ist Trollinger?

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