https://www.faz.net/-gpf-79l48

Deutsch-französische Beziehungen : Den Schirm teilen sie nicht

Merkollande: Der Präsident sucht den richtigen Abstand zur Nähe Bild: AFP

Sein Vorgänger war ihm viel zu stark mit Angela Merkel verbunden. Darum scheut François Hollande die Nähe zur Kanzlerin. Nun ziehen beide zum ersten Mal mit gemeinsamen Plänen nach Brüssel.

          Wo ist die Frau geblieben, der die französische Regierungspartei noch vor kurzem „egoistische Unnachgiebigkeit“ vorgehalten hatte? Im großen Festsaal des Elysée-Palastes steht eine Bundeskanzlerin, die so gar nicht mehr ins Bild von der sturen Buchhalterin passen will, das in Frankreich von ihr gezeichnet wird. Sie kichert, weil sie den französischen Präsidenten gerade François Mitterrand genannt hat. Auch François Hollande findet diesen Versprecher höchst amüsant, aber gewiss aus anderen Gründen.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Hollande ist in der Gunst seiner Landsleute so tief gesunken wie keiner seiner Vorgänger. Deshalb freut er sich immer riesig, wenn er sich erhöht fühlen darf. Und Mitterrand stellt eine solche Erhöhung dar, weil die Franzosen in der Rückschau die Verfehlungen verdrängt haben. Sie verklären den ersten sozialistischen Präsidenten als sozialen Wohltäter und europäischen Visionär. Der zweite sozialistische Präsident, François Hollande, weiß inzwischen aber, dass er es zumindest während dieser Amtszeit nicht zum sozialen Wohltäter schaffen wird.

          Trotzdem ein kleiner Triumph

          Die schwere Wirtschaftskrise mit täglich neuen Arbeitslosen und der immer schwierigeren Kassenlage hindert ihn daran. Deshalb hat sich Hollande auf das europäische Erbe seines illustren Vorvorvorgängers Mitterrand besonnen. Er hat den betagten Jacques Delors besucht und mit dessen Zöglingen diskutiert, mit Pascal Lamy und Jean-Pierre Jouyet. Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Parlaments, wurde so etwas wie ein Hausgast mit Serviettenring im Elysée-Palast.

          Dort im Festsaal offenbarte der Präsident vor mehr als 300 geladenen Journalisten seine europäische Wende. Er griff das Lieblingsthema Delors’ auf, das diesen seit Beginn der Währungsunion nicht in Ruhe lässt: Die Eurozone brauche ein zweites Standbein neben der Europäischen Zentralbank, eine Wirtschaftsregierung mit einem Vollzeitpräsidenten. Das war am 16. Mai.

          Jetzt, gute zwei Wochen später, steht Hollande wieder im Festsaal des Elysée-Palastes, dieses Mal an der Seite von Bundeskanzlerin Merkel. Sie vermeidet tunlichst das Wort von der Wirtschaftsregierung, und auch Hollande spricht es nicht aus. Aber trotzdem ist es ein kleiner Triumph für ihn, hier in Paris ankündigen zu können, dass Deutschland und Frankreich der Eurozone einen „Vollzeitpräsidenten“ geben wollen. Das steht auch in dem „Papier“, das sie an die anderen EU-Staats- und -Regierungschefs richten, mit Blick auf den EU-Gipfel Ende Juni.

          Es ist überhaupt das erste Mal seit dem Amtsantritt des Sozialisten im Mai 2012, dass die beiden mit einer gemeinsamen Position nach Brüssel ziehen. Zu Anfang hatte sich Hollande sogar geziert, sich „unter vier Augen“ mit der Bundeskanzlerin auf die Gipfelrunden vorzubereiten. „Merkozy“ war ihm ein Albtraum. So wollte er es nicht machen. Hält er sich noch daran?

          Längst schon gibt es die Stelldicheins vor den Gipfeltreffen wieder, gefällt sich auch Hollande darin, so etwas wie ein „Beiprogramm“ zu organisieren. Noch hat er Angela Merkel nicht in die Corrèze, seine Wahlheimat, eingeladen, aber immerhin ist er mit ihr durch den Louvre geschlendert. Für die Kameras aber will er nicht zu viel Nähe. Zwei Regenschirme, einen für die Kanzlerin, einen für den Präsidenten, zeigen die Fernsehbilder aus dem Innenhof des Elysée-Palastes. Sarkozy und Merkel hatten sich damals einen Schirm geteilt.

          Hollande will in der Krise, die nicht vergehen will, so viel wie möglich von Frankreichs Glanz bewahren. Deshalb herrscht er die EU-Kommission an, die Frankreich wie allen anderen Mitgliedsländern Empfehlungen zu wichtigen Reformen übermittelt hat. „Non, merci“, der französische Präsident verzichtet auf dergleichen Belehrungen, „wir lassen uns nicht diktieren, was wir zu tun haben“, sagt er. Zugleich aber profiliert er sich als Gestalter Europas.

          „Welcher Weg der richtige ist, entscheidet Frankreich allein“

          Das geht nur mit der Bundeskanzlerin. Den Widerspruch will Hollande nicht erkennen. Er will Europa formen, aber keine Kompetenzen abgeben. Er will eine Führungsrolle, aber keinen Souveränitätsverzicht. Er hat den europäischen Fiskalpakt gegen große Widerstände in seiner Partei ratifiziert. Jetzt aber behagt es ihm nicht, dass ihm die europäischen Partner und die Kommission in die Bücher schauen wollen.

          Er hat in Leipzig lobende Worte für die „mutigen Reformen“ Gerhard Schröders gefunden. Zurück in Paris lässt er durchblicken, dass dies nur eine Höflichkeitsadresse war. Er habe Schröder ja nicht übergehen können, immerhin habe der auf einem Ehrenplatz gesessen. Aber von der Agenda 2010 will Hollande weiterhin nichts wissen. „Welcher Weg der richtige ist, entscheidet Frankreich allein, ganz allein“, sagt Hollande. Manchmal lädt er sich die Kanzlerin als Wegbegleiterin ein.

          Weitere Themen

          Union beendet Europawahlkampf Video-Seite öffnen

          Merkel ist auch da : Union beendet Europawahlkampf

          Beim Abschluss des Europawahlkampfs der konservativen EVP in München ist Bundeskanzlerin Angela Merkel mit von der Partie. Das jähe Ende der Koalition aus ÖVP und FPÖ in Österreich ist auch hier Thema.

          Macron reagiert im Livestream Video-Seite öffnen

          „Angriff“ in Lyon : Macron reagiert im Livestream

          In der Fußgängerzone der französischen Stadt Lyon ist offenbar eine Paketbombe explodiert. In einem Live-Interview auf YouTube und Facebook während einer Wahlveranstaltung der Partei La Republique En March sprach Macron von einem Angriff.

          Topmeldungen

          „Spiegel“-Verlagschef Thomas Hass (links), Chefredakteur Steffen Klusmann und Brigitte Fehrle stellen den Bericht vor.

          Der Fall Relotius : Über den Reporter, der immer Glück zu haben schien

          Fünf Monate, nachdem der frühere „Spiegel“-Redakteur Claas Relotius als Fälscher enttarnt wurde, legt das Magazin nun seine Untersuchung des Falls vor. Dabei geht es mit sich und einigen Mitarbeitern hart ins Gericht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.