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Deutsch auf Schulhöfen : Sprache = Kompetenz

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Der Pausenklatsch - künftig auf deutsch Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Das Übereinkommen einer Berliner Schule, auf dem Pausenhof nur noch deutsch zu sprechen, stößt auf immer mehr Zustimmung. Auch andere Bundesländer denken über eine Selbstverpflichtung nach Berliner Vorbild nach.

          Das Übereinkommen zwischen Schülern, Eltern und Lehrern einer Realschule im Berliner Stadtteil Wedding, auf dem Schulhof nur noch deutsch zu sprechen, findet zunehmend Unterstützung. Sowohl Vertreter der Migranten als auch anderer Bundesländer lobten gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.) die Weddinger Regelung.

          Der Vorsitzende des Islamrats, Ali Kizilkaya, sagte, er befürworte die Abmachung, solange sie freiwillig sei. „Das ist Demokratie, und wenn man so auch noch besser deutsch lernt, kann ich das nur begrüßen.“ Nur wer gut deutsch spreche, könne nicht mißverstanden werden und seine Rechte einfordern: Sprache bedeute Kompetenz.

          Özdemir: „Abwehrreflexe auf türkischer Seite“

          Kizilkaya merkte aber auch an, daß es für türkische Schüler wohl kaum durchzuhalten sei, untereinander immer deutsch zu sprechen. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Nadeem Elyas, sagte der F.A.S.: „Die deutsche Sprache muß im Mittelpunkt des muslimischen Lebens stehen, dazu gehört auch der Schulalltag.“

          Überlegungen der niederländischen Integrationsministerin Rita Verdonk, überall im öffentlichen Raum nur noch die niederländische Sprache zu nutzen, lehnen aber sowohl Elyas als auch Kizilkaya ab. Das sei „zuviel des Guten“, befand Elyas. Nach Meinung Kizilkayas wird die Debatte über die Schulhöfe hierzulande so gereizt geführt, weil man Furcht vor einer Diskussion wie in den Niederlanden habe.

          Auch der grüne Europa-Abgeordnete Cem Özdemir erklärt so die „Abwehrreflexe auf türkischer Seite“. Özdemir sagte: „Veränderungsprozesse in der türkischen Community gehen nur, wenn die Leute das selbst wollen.“

          „Beispielhaftes Vorgehen“

          Auch in mehreren Bundesländern wird das Berliner Vorgehen als beispielhaft gesehen. Nordrhein-Westfalens Integrationsminister Armin Laschet (CDU) sagte der F.A.S., noch gebe es solche Absprachen an nordrhein-westfälischen Schulen zwar nicht, doch wolle er sie nun anregen. Schließlich sei die Situation im Ruhrgebiet mit der in Berlin durchaus zu vergleichen.

          Laschet kritisierte ablehnende Stimmen aus der Grünen-Partei: „Es schadet der Integrationspolitik, wenn Schüler, Eltern und Lehrer etwas gemeinsam erarbeiten und oberschlaue Politiker wie die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth dann Diskriminierung schreien.“

          Der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech (CDU) und Bremer Bildungssenator Willi Lemke (SPD) begrüßten die Berliner Selbstverpflichtung ebenfalls. Lemke führte gegenüber der F.A.S. aus, ein Schulleiter habe ihm gesagt: 'Schade, daß ich nicht selbst darauf gekommen bin‘.

          Unterstützung von der EKD

          Hamburgs Bildungssenatorin Alexandra Dinges-Dierig (CDU) äußerte sich hingegen vorsichtiger. „Wenn es in Hamburg eine Schule gibt, die Deutsch als Pflichtsprache auf dem Schulhof durchsetzen will, werde ich das gerne unterstützen. Voraussetzung muß aber sein, daß Eltern-, Lehrer-, Schülerschaft und Schulleitung das gemeinsam wollen, sie sollten dies dann auch mit Aktivitäten attraktiv machen. Sanktionen halte ich hier kaum für angebracht.“

          Ulrich Thöne, Vorsitzender der Lehrer- Gewerkschaft GEW, findet die Regelung „in Ordnung“, sagte aber: „Ich bin froh, wenn die Schüler überhaupt miteinander sprechen - und sei es in ihrer Muttersprache.“ Unterstützung kommt auch aus der evangelischen Kirche: Der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, je vielfältiger unsere Gesellschaft werde, „desto wichtiger ist die gemeinsame Sprache.“

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