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Exportschlager : Man lernt Deutsch - fast überall

In Valencia im Jahr 2012 standen die Menschen an, um sich für einen Deutschkurs anzumelden. Bild: Reuters

Deutsch als Fremdsprache wird in vielen Gegenden der Welt immer beliebter. Nirgends lernen heute mehr Menschen die Sprache Goethes als in Polen. Doch in Frankreich ist der Unterricht gefährdet.

          Es war im Deutschunterricht eines französischen Collège vor einiger Zeit: An einem Freitagnachmittag zwischen 16 und 17 Uhr versuchte eine Deutschlehrerin vergeblich, die vom Wochenende träumenden und leicht schläfrigen Schüler ausgerechnet mit einer Faksimile-Ausgabe der „Gartenlaube“, einem Beispiel für den Bildungsenthusiasmus des 19. Jahrhunderts, zu begeistern. Aber mit der fremden Welt des deutschen Gemüts hätten selbst deutsche Lehrer in ihren Klassen Schiffbruch erlitten. Es ist zu fürchten, dass die Absolventen eines solchen Deutschunterrichts auf jedem deutschen Markt verhungern würden.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Möglicherweise hatte die französische Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem solch ein Beispiel für einen lebensfernen Deutschunterricht vor Augen, als sie das Deutschlernen insgesamt mit dem Verdikt des Elitären geißelte. Die französischen Pläne, den Deutschunterricht bei der Reform des Collège zu beschneiden, sind in Berlin auf großes Unverständnis gestoßen. So wurden sie eigens im deutsch-französischen Ministerrat thematisiert. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat die Gespräche in Lausanne über den Irak außerdem dazu genutzt, dem französischen Außenminister seine Bedenken nahezubringen.

          Die Staatsministerin im Auswärtigen Amt Maria Böhmer (CDU) sprach am Dienstag in Berlin von einer „schmerzhaften Nachricht“ und äußerte die Befürchtung, dass die bisher schon stagnierende Zahl der Deutschlerner in Frankreich sogar zurückgehen wird. Das Deutschlernen sei eine Chance für Bildungsaufsteiger, ganz gewiss keine elitäre Veranstaltung, so Böhmer. Deutschland will die 60 Abgeordneten im französischen Parlament, die gegen die Pläne der eigenen Bildungsministerin protestierten, unterstützen. Derzeit lernen etwa eine Million französische Schüler Deutsch, 9,6 Prozent schon in der Primarstufe und 15,2 Prozent in der Sekundarstufe. Schon in den Jahren zwischen 1995 und 2005 ist die Zahl der Deutsch lernenden Sekundarschüler um etwa ein Drittel zugunsten von Englisch und Spanisch gesunken.

          Kampf dem Elitären: Die französische Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem will weniger Deutschunterricht an staatlichen Schulen.

          Die meisten Deutschlerner an französischen Schulen sitzen in den bilingualen Klassen (88,6 Prozent), allein 35.000 Schüler nahmen das Angebot wahr, das deutsche Sprachdiplom der Kultusministerkonferenz (KMK) im Rahmen einer schulischen Prüfung zu erwerben. „Diese Zahl wird massiv einbrechen, wenn die französische Bildungsministerin bei ihren Plänen bleibt“, sagte der Generalsekretär der KMK, Udo Michallik, bei der Vorstellung der alle fünf Jahre veröffentlichten Datenerhebung „Deutsch als Fremdsprache“ am Dienstag im Auswärtigen Amt in Berlin. Erhoben wird sie vom „Netzwerk Deutsch“ auf Initiative des Auswärtigen Amtes und in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), dem Bundesverwaltungsamt, der Zentralstelle für das Deutsche Auslandsschulwesen (ZfA) und der KMK.

          Die Schulen bleiben noch immer der bevorzugte Ort des Deutschlernens, 87 Prozent der 15,4 Millionen Deutschlerner sind Schüler. 8,8 Prozent nehmen als Studenten die Sprachangebote des DAAD wahr, und in der Erwachsenenbildung sind es 4,2 Prozent. An den Sprachkursen der Goethe-Institute im Ausland lernten allein im vergangenen Jahr 228.528 Menschen auf der ganzen Welt Deutsch.

          Spitzenreiter bei den Deutschlernern ist Polen mit 2,28 Millionen. In China, Brasilien und selbst in Indien (wo die Regierung Deutsch als Wahlpflichtfach abschaffte) vervielfacht sich das Interesse am Deutschlernen, in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion dagegen geht es deutlich zurück. Mit der politischen Lage habe das weniger zu tun als mit sinkenden Bevölkerungszahlen und mit der Zusammenlegung von Bildungseinrichtungen im ländlichen Raum, hieß es in Berlin. Während heute noch 1,5 Millionen Menschen dort Deutsch lernen, waren es vor fünf Jahren noch 2,3 Millionen, was auch mit einer zunehmenden Orientierung am Englischen zusammenhängt.

          In Südamerika, im Nahen und Mittleren Osten wird Deutsch immer beliebter. Auch in Europa gibt es weiter großes Interesse an Deutsch – dort lernen derzeit 9,4 Millionen Menschen Deutsch. Insgesamt sinke das Interesse an klassischer Germanistik, während dringend mehr Lehrer für Deutsch als Fremdsprache an Universitäten ausgebildet werden müssten, sagte die Präsidentin des DAAD, Margret Wintermantel, und verwies auf 430 Deutschlektoren, die Studenten Deutsch beibringen. Viele Südeuropäer in Spanien, Italien und Griechenland nehmen Sprachkurse an Goethe-Instituten oder an Universitäten wahr, um ihre berufliche Zukunft zu verbessern. In Griechenland haben im vergangenen Jahr 268.530 Menschen Deutsch gelernt, im Jahr 2010 waren es noch 156.440.

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