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Bürgerschaftswahl in Bremen : Der Wagniskandidat der CDU

Die Bremer Stadtmusikanten: Wer kann am Sonntag in das Rathaus der Stadt einziehen? Bild: dpa

Die CDU in Bremen wagt ein Experiment: Ein politisch völlig unerfahrener IT-Unternehmer soll die SPD aus dem Bremer Rathaus verdrängen. Die Chancen dafür waren noch nie so gut.

          Einen Spitzenkandidaten wie Carsten Meyer-Heder wird es in Deutschland so schnell nicht wieder geben. Fast traut man sich nicht, ihn als Politiker zu bezeichnen. Der Mann bewirbt sich zwar am Sonntag für die Partei um das Amt des Bremer Bürgermeisters. Aber Meyer-Heder hatte zuvor noch nie ein politisches Mandat inne. In die CDU ist er erst im vergangenen Jahr eingetreten. Und davor zählte Meyer-Heder auch nicht zu denjenigen, die dem Politikbetrieb zwar nicht angehören, aber durch ihre Tätigkeit für einen Verband mit seinen Mechanismen vertraut sind. Politisch betrachtet, ist Meyer-Heder ein leeres Blatt Papier.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Und das merkt man ihm auch an. Zum Beispiel beim Termin in einem Bremer Altenheim. Meyer-Heder naht mit weitem, rhythmischem Schritt. Früher hat der Zweimetermann als Schlagzeuger in einer Band gespielt. Jetzt kommt er allein. Kurzes Händeschütteln, dann die bei Meyer-Heder obligatorische Klausel des Nichtwissens: „Ich bin jetzt nicht der Spezialist wie Jens Spahn“, sagt er. „Aber es hat mich inzwischen auch erreicht, dass das mit der Pflege schwierig ist. Und jetzt sagen Sie mir, was wir als Politik tun können.“

          „Digitalisierung? Da kenne ich mich aus“

          Die Chefinnen führen Meyer-Heder durch das Heim. Im Erdgeschoss werden die Senioren gerade zum „Rollatorentanz“ animiert: „Nicht stehenbleiben! weitergehen!“, schallt es aus dem Saal. In einem der oberen Stockwerke brütet derweil eine Pflegerin über mehreren Stapeln Tabellen und Formularen. Der Papierkram ist durch die Digitalisierung noch nicht in Gänze überflüssig geworden.

          „Digitalisierung? Da kenne ich mich aus – das mach ich seit 25 Jahren“, sagt der CDU-Spitzenkandidat. „Für Schichtpläne gibt es übrigens auch ’ne Software.“ Meyer-Heder erzählt den Pflegern, dass er eigentlich IT-Unternehmer ist und in Bremen eine Software-Firma mit mehr als tausend Mitarbeitern aufgebaut hat. „Und jetzt bin ich Quereinsteiger in die Politik.“ Die Idee für diese ungewöhnliche Spitzenkandidatur stammt aus der Führungsriege der CDU. Rund zwei Jahre vor der Bürgerschaftswahl streckte die Partei ihre Fühler in die Stadtgesellschaft aus.

          Nach 74 Jahren ununterbrochener SPD-Regierung sollte ein Kandidat für die CDU das Rathaus erobern, der selbst nicht zum Politik-Establishment zählt. Die Gelegenheit dafür scheint günstig: Die Sozialdemokraten wirken auf viele Bürger müde, ihre Leistungsbilanz ist miserabel und die Beliebtheitswerte von Bürgermeister Carsten Sieling könnten ebenfalls besser sein. Zugleich erkannten die Mächtigen innerhalb der CDU jedoch, dass sie selbst den Wandel nicht glaubwürdig verkörpern können. So kamen sie auf Meyer-Heder.

          Chance und Zumutung zugleich

          Für die CDU ist der Unternehmer eine Chance, aber auch eine Zumutung. Der 58 Jahre Meyer-Heder hat kein abgeschlossenes Studium, ist aus der Kirche ausgetreten und lebt in einer Patchwork-Familie. Als junger Mann tummelte sich der gebürtige Bremer in der alternativen Szene der Stadt und war sich lange im Unklaren darüber, was aus ihm werden sollte. Meyer-Heder lavierte hin und her zwischen einem Dasein als Schlagzeuger und einem Dasein als Student. Erst nach einer Krankheit fand er den Fokus im Leben, ließ sich zum Systeminformatiker umschulen und baute später das IT-Unternehmen „Team Neusta“ auf, das inzwischen Jahr für Jahr an die hundert neue Mitarbeiter einstellt.

          Es liegt auf der Hand, welche Story die Wahlkampf-Strategen der CDU daraus stricken: Der Mann steht für genau für die Start-Up-Mentalität, die Bremen dringend braucht. Er kommt von außen, schaut sich unbefangen um und führt die Stadt dann zum Erfolg. „I have a stream!“, wird der Spitzenkandidaten mit nachgewiesener Digitalkompetenz auf den Plakaten angepriesen.

          Mittlerweile tourt Carsten Meyer-Heder seit mehr als einem Jahr als Herausforderer von Bürgermeister Carsten Sieling durch die Stadt. Die Attitüde des absoluten Politik-Neulings hat er während dieser Zeit nicht allmählich abgelegt, sondern im Gegenteil verfeinert und kultiviert. Im Altenheim schlägt Meyer-Heder vor, die Ehrenamtlichen „mal ’nen bisschen besser zu vergüten.“ Vielleicht mit einer Ehrenamtskarte. „Die war ja mal angedacht hier in Bremen“, weiß Meyer-Heder. „Die gibt es auch schon“, wirft einer der Pfleger ein. „Na, dann kann man das ja ausbauen“, sagt Meyer-Heder.

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