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Politiker im Stress : „Wenn man Schwäche zeigt, kann das brutal sein im politischen Geschäft“

Wie anstrengt ist es, Politiker zu sein? Bild: dpa

Wie viel Stress halten Politiker aus? Ein Gespräch mit dem SPD-Mann Edgar Franke über die Belastungen im Alltag eines Bundestagsabgeordneten – und wieso er seinen Job trotzdem noch gerne macht.

          4 Min.

          Herr Franke, Sie sind Bundestagsabgeordneter. Wie gesundheitsschädlich ist Ihr Job?

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Er ist nicht unbedingt gesundheitsfördernd, das muss ich wirklich sagen.

          Wir reden darüber, weil kürzlich gleich zwei Abgeordnete an einem langen Plenartag umgekippt sind.

          Da hat man sehr gut gesehen, was den Stress ausmacht: das Gesamtpaket. Als nach dem CDU-Kollegen abends noch die Kollegin von der Linken umgefallen war, habe ich zu Kollegen gesagt: Eigentlich müssten wir die Sitzung abbrechen. Die Leute haben in der Gesamtschau dieser Woche zu viel.

          Das Problem sind gar nicht so sehr die einzelnen langen Sitzungstage?

          Der Job besteht zu neunzig Prozent nicht daraus, im Parlament zu sitzen. Wir haben den größten Teil des Jahres eine Sieben-Tage-Woche, volle Düse. In den Sitzungswochen bin ich von Montag bis Freitag in Berlin, gehe morgens um halb neun ins Büro und bleibe regelmäßig bis abends um zehn. Oder abends ist noch eine Veranstaltung, dann wird es später. Am Wochenende geht es für mich als Direktabgeordneten der SPD weiter. Mein Wahlkreis in Nordhessen ist sehr groß, mit dem Auto brauche ich zwei Stunden, um ihn zu durchqueren. Oft habe ich Freitagabend noch Termine, Samstag und Sonntag ebenfalls, und Sonntagabend geht es wieder nach Berlin. Immerhin frühstücke ich sonntags lange mit meiner jüngeren Tochter, die noch zur Schule geht. Ich bin alleinerziehender Vater, weil meine Frau vor zweieinhalb Jahren gestorben ist.

          Was stresst Sie an den Terminen?

          Man muss die verschiedensten Themen draufhaben. Von der Pflege über verpflichtende Masernschutzimpfungen, die Reform der Opferentschädigung bis hin zu Fragen aus dem Wahlkreis wie die Abschaffung von Anliegerbeiträgen. Alles Themen, auf die man sich ständig vorbereiten muss. Ich habe zwar Mitarbeiter, aber ich muss das ja alles nachvollziehen. Und dann brauche ich immer ein sauberes Hemd und einen passenden Schlips und muss den Anzug rechtzeitig in die Reinigung bringen, das kommt ja noch dazu.

          Sie waren Vorsitzender im Gesundheitsausschuss, jetzt sind Sie dort Berichterstatter Ihrer Fraktion.

          Der größte Stress, den ich immer empfunden habe: Fachdiskussionen während der Sitzungswoche. Da sitzt du mit Leuten zusammen, die seit Jahren jede Feinheit eines Themas bearbeiten, die Finanzierung der Krankenkassen, die Fallpauschalen im Krankenhaus. Du bist gut vorbereitet, aber du wirst möglicherweise auf deine Schwächen hingewiesen. Im Parlament geschieht das auch, teilweise sehr persönlich. Der zusammengebrochene CDU-Kollege kürzlich hat eine gute Rede gehalten. Aber als er nicht mehr weiterreden konnte, gab es auch hämisches Lachen.

          Unterwegs zwischen Berlin und Nordhessen: Edgar Franke.

          Hat sich der Stress durch die AfD verschlimmert?

          Wenn man die AfD angeht, feuert die sehr persönlich zurück. Außerdem hat sich das Programm verdichtet, nicht nur durch die AfD, die FDP ist ja auch wieder dabei. Es gibt mehr Anträge, eine große Themenspreizung. Am Donnerstag tagen wir oft bis nach Mitternacht. Wir haben Präsenzdienste für die Landesgruppen eingeführt. Ich saß jetzt auch ein paar Mal nachts, weil die Hessen Dienst hatten.

          Es wird oft kritisiert, dass nur 40, 50 Leute im Plenum sitzen.

          Mit Ausnahme der Generaldebatten sind vor allem die jeweiligen Fachpolitiker anwesend. Ich habe nicht das zeitliche Kontingent, immer im Plenarsaal zu sein. Ich verfolge die Debatten im Büro am Fernseher, bereite dabei aber etwas vor, mache Post. Ich bin auch Opferbeauftragter der Bundesregierung, arbeite auch im Justizministerium, treffe Menschen, die etwas loswerden, einem Repräsentanten des Staates was erzählen wollen.

          Nach den Zusammenbrüchen hat Anke Domscheit-Berg von der Linkspartei die Bedingungen im Bundestag „menschenfeindlich“ genannt. Was sagt der Opferbeauftragte dazu?

          Menschenfeindlich ist es nicht. Aber wenn man eine persönliche oder argumentative Schwäche zeigt, kann das brutal sein im politischen Geschäft.

          Schlimmer als die Tatsache, dass man im Plenarsaal nichts trinken darf?

          Klar. Vor allem den sensibleren Kollegen kann das was ausmachen, beispielsweise einen bösen Zwischenruf zu kriegen. Das eigentliche Problem ist aber, dass Anhörungen, Arbeitsgruppensitzungen oder Podiumsdiskussionen sich häufen und zum Teil parallel laufen.

          Was ist Ihre Strategie dagegen?

          Ich konzentriere mich auf das Heute. Vielleicht kommt am Samstag ein Parteitag, oder ich muss eine wichtige Rede bei einem Verband halten. Wenn man aber sieht, dass die kommende Woche auch schon wieder vollgepackt ist, kann einem das zu schaffen machen. Die Arbeit im Wahlkreis fällt oftmals bei denen weg, die nicht direkt gewählt sind. Wenn ich im Fahrstuhl im Bundestag erzähle, dass ich Kaninchenschauen besuche, lächeln manche. Das ist aber für viele Menschen wichtig, dass ihr Abgeordneter vor Ort präsent ist.

          Ist es anstrengend, immer so zugewandt zu sein?

          Mir macht das Spaß. Ich trinke gerne ein Bier in Gesellschaft, esse gerne eine Bratwurst und freue mich, wenn ich bei meinem Fußballverein bin. Sonst würde ich es nicht machen. In der Stadt, in der ich Bürgermeister war, duzt mich fast jeder. Brutal ist trotzdem, wenn die Leute mich beim Einkaufen fragen: „Hast du schon wieder Urlaub?“

          Sprechen Abgeordnete untereinander über die Belastungen?

          Ich habe gute Bekanntschaften mit vielen Abgeordneten der demokratischen Fraktionen. Da ist der Druck schon ein Thema. Sich verhaspeln, schlecht reden oder schlecht aussehen kann jedem passieren. Im Gegensatz zu früher erscheint es aber sofort im Internet. Ein Problem von vielen Abgeordneten ist zudem, dass sie zwei, drei Kilo pro Jahr im Bundestag zunehmen.

          Tun Sie was dagegen?

          Meine neue Lebenspartnerin stellt mich jeden Freitagabend auf die Waage. Wenn sie nicht da ist, schicke ich ihr ein Handyfoto von der Waage. Zuletzt habe ich aber zwei-, dreimal schummeln müssen. Seit einem Jahr gehe ich aber regelmäßig ins Fitnessstudio.

          Wie macht sich der Stress noch bemerkbar?

          Ich habe Bluthochdruck, auch schon mal Ohrensausen. Es ist aber immer interessant: Wenn man was ordentlich gemacht hat, zum Beispiel jemandem helfen oder etwas bewegen konnte, einen guten Vortrag gehalten hat, dann geht das sofort weg. Die Arbeit des Abgeordneten macht mir nach wie vor viel Freude.

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