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Politiker im Stress : „Wenn man Schwäche zeigt, kann das brutal sein im politischen Geschäft“

Es wird oft kritisiert, dass nur 40, 50 Leute im Plenum sitzen.

Mit Ausnahme der Generaldebatten sind vor allem die jeweiligen Fachpolitiker anwesend. Ich habe nicht das zeitliche Kontingent, immer im Plenarsaal zu sein. Ich verfolge die Debatten im Büro am Fernseher, bereite dabei aber etwas vor, mache Post. Ich bin auch Opferbeauftragter der Bundesregierung, arbeite auch im Justizministerium, treffe Menschen, die etwas loswerden, einem Repräsentanten des Staates was erzählen wollen.

Nach den Zusammenbrüchen hat Anke Domscheit-Berg von der Linkspartei die Bedingungen im Bundestag „menschenfeindlich“ genannt. Was sagt der Opferbeauftragte dazu?

Menschenfeindlich ist es nicht. Aber wenn man eine persönliche oder argumentative Schwäche zeigt, kann das brutal sein im politischen Geschäft.

Schlimmer als die Tatsache, dass man im Plenarsaal nichts trinken darf?

Klar. Vor allem den sensibleren Kollegen kann das was ausmachen, beispielsweise einen bösen Zwischenruf zu kriegen. Das eigentliche Problem ist aber, dass Anhörungen, Arbeitsgruppensitzungen oder Podiumsdiskussionen sich häufen und zum Teil parallel laufen.

Was ist Ihre Strategie dagegen?

Ich konzentriere mich auf das Heute. Vielleicht kommt am Samstag ein Parteitag, oder ich muss eine wichtige Rede bei einem Verband halten. Wenn man aber sieht, dass die kommende Woche auch schon wieder vollgepackt ist, kann einem das zu schaffen machen. Die Arbeit im Wahlkreis fällt oftmals bei denen weg, die nicht direkt gewählt sind. Wenn ich im Fahrstuhl im Bundestag erzähle, dass ich Kaninchenschauen besuche, lächeln manche. Das ist aber für viele Menschen wichtig, dass ihr Abgeordneter vor Ort präsent ist.

Ist es anstrengend, immer so zugewandt zu sein?

Mir macht das Spaß. Ich trinke gerne ein Bier in Gesellschaft, esse gerne eine Bratwurst und freue mich, wenn ich bei meinem Fußballverein bin. Sonst würde ich es nicht machen. In der Stadt, in der ich Bürgermeister war, duzt mich fast jeder. Brutal ist trotzdem, wenn die Leute mich beim Einkaufen fragen: „Hast du schon wieder Urlaub?“

Sprechen Abgeordnete untereinander über die Belastungen?

Ich habe gute Bekanntschaften mit vielen Abgeordneten der demokratischen Fraktionen. Da ist der Druck schon ein Thema. Sich verhaspeln, schlecht reden oder schlecht aussehen kann jedem passieren. Im Gegensatz zu früher erscheint es aber sofort im Internet. Ein Problem von vielen Abgeordneten ist zudem, dass sie zwei, drei Kilo pro Jahr im Bundestag zunehmen.

Tun Sie was dagegen?

Meine neue Lebenspartnerin stellt mich jeden Freitagabend auf die Waage. Wenn sie nicht da ist, schicke ich ihr ein Handyfoto von der Waage. Zuletzt habe ich aber zwei-, dreimal schummeln müssen. Seit einem Jahr gehe ich aber regelmäßig ins Fitnessstudio.

Wie macht sich der Stress noch bemerkbar?

Ich habe Bluthochdruck, auch schon mal Ohrensausen. Es ist aber immer interessant: Wenn man was ordentlich gemacht hat, zum Beispiel jemandem helfen oder etwas bewegen konnte, einen guten Vortrag gehalten hat, dann geht das sofort weg. Die Arbeit des Abgeordneten macht mir nach wie vor viel Freude.

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