https://www.faz.net/-gpf-73wgq

Der Sprecher : Alter Ego

  • -Aktualisiert am

Kein Vorleser Bild: Julia Zimmermann

Blitzableiter. Leibeigener. Nicht einmal einen eigenen Terminkalender hat er: Wenn der Sprecher selbst Gegenstand der Berichterstattung und des politischen Streits wird, ist sein Ende nahe.

          Nein, er habe mit „seinem“ Minister nicht vorher gesprochen, hat einmal in der Rückschau dessen Sprecher erzählt, Jahre später, nachdem das Bömbchen - zur fraglichen Zeit natürlich eine Bombe - geplatzt war. Er habe auch nicht mit ihm reden müssen. Er habe gewusst, was sein Chef gedacht und auch gewusst, was der gewollt habe. Der Sprecher war wie der Chef: Politisch frech und gerne polarisierend, ohne Angst vor noch Mächtigeren - im fraglichen Falle vor Kanzlern und Parteivorsitzenden. Und natürlich, was nicht jeder Politiker immer und überall sein muss: Freundlich zu Journalisten, sie umgarnend, und nur manchmal leise drohend.

          Es soll hier nicht die Rede sein von Sprechern, die ihren Dienst preußisch-tugendhaft versehen, die nur die Verlautbarungen ihres Hauses (Ministerium, Partei, Fraktion) verkünden. Das sind die Vorleser. Der Sprecher hat anders zu sein. Er muss das Alter Ego seines Chefs (Kanzler, Minister, Partei- oder Fraktionsvorsitzender) sein, er hat die Rolle des (politischen) Ausputzers zu erfüllen, nicht bloß nach Außen sprechend, sondern nach Innen beratend. Auch muss er das Ohr des Ministers in den politischen Raum sein, in dem es bekanntermaßen genügend Plaudertaschen gibt, die es genießen, wenn ihnen für die „gute Zusammenarbeit“ gedankt wird.

          Ein Sprecher hat es gut: Er ist der Macht näher als andere, die nach der offiziellen Hierarchie über ihm stehen. Er kann Macht im Apparat ausüben. Doch es ist abgeleitete Macht. Im Binnenbetrieb darf der Sprecher niemals ein „ich will“ sagen. Er muss beim „der Chef möchte“ bleiben. Dann freilich kann er genießen, welche Macht seine Worte entfalten können. Doch der Sprecher muss aufpassen. Er darf den Bogen nicht überspannen. Er darf keinesfalls den Eindruck erwecken, eigentlich sei er der Bestimmende. Er kann nur den Freiraum füllen, der ihm gelassen wird. Vor allem hat er sich mit einer Rolle im sogenannten Hintergrund zufrieden zu geben, weshalb - fast naturgemäß nach öffentlicher Bekanntheit drängende - Journalisten nicht für das Amt taugen, welche Regel durch Ausnahmen bestätigt wird.

          Neider und Konkurrenten

          Steffen Seibert, früher ZDF-Moderator und nun Sprecher der Bundesregierung und der Bundeskanzlerin, ist so eine Ausnahme. „Ich versuche hilfreich zu sein“, hat er jetzt gesagt. „Freundlich und professionell“ gehe er mit Journalisten um. Auf minimalistische Weise hat er seine Rolle beschrieben - und zugleich hat er den Vorgaben seiner Chefin entsprochen, sich nicht in die Karten schauen zu lassen. So gehört sich das für einen Sprecher.

          Denn ein Sprecher hat es schwer: Er ist (quasi) ein Leibeigener seines Chefs. Er ist nicht Herr seines Terminkalenders. Er ist auch Blitzableiter. Im Apparat hat er Neider und Konkurrenten, die feige den Sack schlagen, wenn sie den Esel meinen. Ein falsches Wort von ihm - und schon ist der Überbringer schlechter Nachrichten der eigentlich Schuldige. Wenn aber er selbst Gegenstand der Berichterstattung und des politischen Streits wird, ist sein Ende nahe.

          Weitere Themen

          Scholz lässt seine Pläne offen Video-Seite öffnen

          Bewerbung auf SPD-Vorsitz : Scholz lässt seine Pläne offen

          „Ganz klar ist, wir müssen in Deutschland vorankommen mit unserem Land. Wir müssen dafür sorgen, dass der Zusammenhalt besser wird“, sagte Bundesfinanzminister Olaf Scholz nach Bekanntwerden seiner Kandidatur für die SPD-Spitze.

          Topmeldungen

          Gletscher Okjökull : Das Eis verlässt Island

          Die Gletscherschmelze ist ein eindrückliches Merkmal der Klimaerwärmung: Der einstige Gletscher Okjökull auf Island ist heute keiner mehr. Die isländische Ministerpräsidentin appelliert an die Weltgemeinschaft.
          Angestellte von Google und Youtube beim Gay Pride Festival in San Francisco, Juni 2014

          Trump gegen Google : Man nennt es Meinungsfreiheit

          Ohne das Internet wäre Donald Trump wohl nicht amerikanischer Präsident geworden. Jetzt beschwert er sich über politische Ideologisierung bei Google. Aus dem Silicon Valley schallt es zurück.
          Im Jahr 2016 ist es in Kalkutta zwar noch wuseliger, aber die Anzahl der Läden und Fahrzeuge deuten auf einen Entwicklungsfortschritt hin.

          Wohlstand, Gesundheit, Bildung : Der Welt geht es immer besser

          Kurz bevor er starb, hat der schwedische Arzt Hans Rosling noch ein Buch geschrieben. Es hat eine zutiefst erschütternde These: Der Zustand der Welt verbessert sich, doch keiner bekommt es mit. Woran liegt das?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.