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Karlspreis für Franziskus : Der Papst und die Rettung des Kontinents

  • -Aktualisiert am

Hoffnungsträger: Papst Franziskus am Mittwoch auf dem Petersplatz Bild: Getty

Mit der Verleihung des Karlspreises an Papst Franziskus soll dessen Einsatz in einer von Krisen zerrütteten EU gewürdigt werden. Doch seine Kirche selbst ist ein Ausdruck der Uneinigkeit.

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          Verstummt sind die Rufe, die die Auszeichnung für Papst Franziskus mit dem Aachener Karlspreis an diesem Freitag im Vatikan für falsch wenn nicht für peinlich hielten. Anders als der Pole Johannes Paul II., der 2004 die an Europas Gründungsvater Karl den Großen erinnernde Auszeichnung erhielt, habe der heutige Papst bisher nichts für die Einheit des alten Kontinents getan, sagten Kritiker noch vor Monaten. Europa sei vielmehr von ihm, dem Argentinier Jorge Bergoglio, in seiner Rede vor dem EU-Parlament Ende 2014 als unfruchtbare Großmutter geschmäht worden.

          Schon damals hatte der Papst freilich hinzugesetzt, es sei „nun die Stunde da“, gemeinsam das neue Europa aufzubauen, das sich nicht nur um Wirtschaft drehe, „sondern um die Heiligkeit der menschlichen Person“, ein Europa, das wach und barmherzig sei. Für die Preisverleihung an diesem Freitag kündigte der Vatikan die Rede „Straßburg II“ an. Papst Franziskus wolle weg von Kritik hin zu einem „gemeinsamen“ Weg, Europa zwischen religiösen Werten und pragmatischer Politik neu zu erfinden.

          Preisverleihung sei kein Jubelfest

          Johannes Paul II. wurde seinerzeit mit einem Sonderpreis für seinen Beitrag zum Fall des Eisernen Vorhangs ausgezeichnet; die Verleihung geschah außer der Reihe, nachdem der Papst wegen seines Amtsverständnisses zehn Jahre lang gezögert hatte, den Karlspreis überhaupt anzunehmen. Dennoch kamen 2004 neben den Preisverleihern aus Deutschland gerade einmal ein amtierender Staatssekretär und der frühere Bundespräsident Walter Scheel zum Festakt in den Vatikansaal.

          Im Gegensatz dazu haben sich neben der Delegation aus Aachen, den Preisträgern von 2015 – EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, EU-Ratspräsident Donald Tusk und EU-Kommissions-Präsident Jean-Claude Juncker – unter anderen Staatspräsidentin Litauens Dalia Grybauskaite, Italiens Regierungschef Matteo Renzi sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel angesagt. In Sorge um den Zusammenhalt Europas erhofften sich die Gäste vom Papst einen Beitrag zur Rettung des kulturellen und moralischen Fundaments des Kontinents, wie der Unternehmer Michael Wirtz sagt, einer der Mitglieder im Direktorium, das den Preis vergibt. Mithin sei diese Preisverleihung kein Jubelfest.

          Dass Europa auch Krisen erleben würde, ahnten schon die Initiatoren des Preises, der 1950 erstmals vergeben wurde. Der Preisträger solle „zeitgemäße Impulse“ geben, steht seither in den Statuten des Direktoriums, das aus „geborenen Mitgliedern“ wie Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp und Dompropst Manfred von Holtum sowie gewählten Mitgliedern wie dem örtlichen Unternehmer Wirtz besteht. Die Auszeichnung sei mal „europapolitische Mahnung, mal Ermunterung und dann wieder Anerkennung für vollbrachte Leistungen“.

          Geradezu für das Krisenjahr 2016 geschrieben scheint die Zielsetzung, wie sie der Ideengeber, der Textilkaufmann Kurt Pfeiffer 1949 festhielt. Er verlangte, dass der Preis der Kaiserstadt „in die Zukunft zu wirken“ habe. Die Würdigung berge eine „Verpflichtung von höchstem ethischem Gehalt und ziele auf den freiwilligen Zusammenschluss der europäischen Völker, um in neu gewonnener Stärke die höchsten irdischen Güter – Freiheit, Menschlichkeit und Frieden – zu verteidigen, den unterdrückten und Not leidenden Völkern wirksam zu helfen und die Zukunft der Kinder und Enkel zu sichern,“ legte Pfeiffer fest.

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