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Der Landesbischof von Hannover im Gespräch : „Gottes dunkle Seiten lassen wir kaum noch zu“

  • Aktualisiert am

Landesbischof Ralf Meister während eines Gottesdienstes in der Marktkirche in Hannover Bild: dpa

Landesbischof Ralf Meister spricht über die Bücher seiner Vorgängerin Kässmann, die Verflachung der Religion, die Politisierung von Predigten und typische Journalistenfragen.

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          Herr Landesbischof, Sie hatten sich mit der sensiblen Frage zu beschäftigen, welchen Dienstwagen Sie nehmen. Ihre Vorgängerin hatte den VW Phaeton.

          Das ist in der Tat ein sensibles Thema. Es ist der Phaeton, natürlich, weil VW in Niedersachsen produziert. Dieses Auto erregt nicht annähernd das Aufsehen, das die Oberklasse-Limousinen anderer deutscher Hersteller erregen.

          Hatten Sie überlegt, den Passat zu nehmen?

          Mal im Ernst: Für mich ist das ein rollendes Büro, in dem ich im Jahr etwa 100.000 Kilometer zurücklege. Deshalb brauche ich auf dem Rücksitz genügend Platz für Akten, Postmappen und für mein Netbook, um die Fahrzeit zum Arbeiten nutzen zu können.

          Wenn Sie im Volkswagen durch die Gemeinden reisen, haben Sie dann das Gefühl, fortdauernd mit Ihrer Vorgängerin verglichen zu werden?

          Das ist ein typischer Journalisten-Trick. Die Einzigen, die solche Fragen stellen, sind Sie! Nun können Sie sagen, die Menschen sprechen das nicht offen an. Könnte sein. Aber das Thema taucht kaum auf. Ich treffe in den Gemeinden auf unglaublich warmherzige Menschen. Bei diesen Begegnungen spielt die Vorgängerin keine größere Rolle als alle anderen Vorgänger. Neulich war ich in einer Kirchengemeinde, da war mitten in der Woche am Vormittag die Kirche voll. Der Pastor erzählte mir hernach, es war das erste Mal seit 1948, dass hier ein Bischof war.

          Hat Margot Käßmann in Hannover ein bestelltes Haus hinterlassen?

          Die hannoversche Landeskirche ist sehr gut organisiert. Und es hat nach Margot Käßmann über ein Jahr mit Bischofsvikar Jantzen eine hervorragende Vertretung gegeben.

          Haben Sie ihre Bücher gelesen?

          Ich habe ihr Buch „In der Mitte des Lebens“ angelesen. Sie schreibt weniger für die Theologenzunft. Sie erreicht in bewundernswerter Weise viele, indem sie über die persönliche Seite einer christlichen Existenz schreibt.

          Margot Käßmanns Bücher verkaufen sich blendend. Wie erklären Sie sich das?

          Es besteht ein Zusammenhang zwischen dieser Spiritualität und der Säkularisierung. Mitten in der Entzauberung der Welt gibt es eine gegenläufige Strömung – Menschen sehnen sich nach Geheimnis und innerer Erfüllung.

          Margot Käßmann befasst sich in ihren Büchern intensiv mit den Brüchen in den Biographien. Es geht in der neuen Spiritualität um „Ankommen“ und „Ganz-Sein“ trotz aller Brüche.

          Das stimmt. Was mich allerdings daran stört, ist dieses: Man verharrt letztlich in der Selbsterfüllung – das Ziel ist das Wohlsein in einem überschaubaren Zeitraum. Dafür gibt es dann eine Fülle von Rezepten, und eine Reihe davon sind geistlicher Natur. Aber die Kirche verspricht nicht das Heil dieser Welt. Es kann einem Christen passieren, dass sein ganzes Leben ein Hiob-Martyrium sein wird. Wir können dieser Frau oder diesem Mann oft dann nicht mehr sagen als dieses eine: Der Gott, an den wir glauben, hatte die Schmerzerfahrungen auch selbst. Mir gibt das in meinem Leben Trost. Und das ist mehr als die Hoffnung, dass nach einem guten Abendessen mit Freunden alles wieder gut ist.

          Wird die Toskana-Theologie prägend für die Religion werden?

          Was der Einzelne zur Erbauung auf dem Nachttisch liegen hat, bewegt die Gesellschaft nicht grundlegend. Dem Boom der Wellness-Spiritualität fehlt die gesellschaftliche Wucht. Was die Kirche angeht, so wünsche ich mir eine stärkere Hervorhebung des Zusammenhangs zwischen Glauben und Vernunft. Spiritualität darf nicht als Freiheit verstanden werden, sich der Vernunft der Welt zu entziehen.

          Die zunehmende Polarisierung der Politik vollzieht sich auch in den Kirchen. Die Mitte wird schwächer. Die Stimme derer, die erst nachdenken müssen, was ihr Glaube für diese oder jene Frage bedeutet, dringt kaum an die Öffentlichkeit.

          Wenn das stimmt, wäre das eine Katastrophe. Wer seinen Glauben ohne intensiven Zweifel vorträgt, der hat vom Glauben nicht viel verstanden.

          Was heißt Zweifel für Sie?

          Der Zweifel, von dem ich spreche, ist eine intensive Suche, die es sich eben nicht an dieser Welt genügen lässt. Das ist für mich ein wesentliches Kriterium für Religion. Spirituelles Gewaber erkennt man daran, dass es in einem Binnenzirkel verbleibt und nicht mehr nach dem Transzendenten fragt. Das führt dann entweder zur Banalisierung des Sakralen oder zur Sakralisierung des Alltäglichen.

          Das Problem ist also die Verflachung?

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