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Mehr Qualität, mehr Kosten : Die Kita hätten wir gerne gut und kostenfrei

Nach dem Ausbau soll auch die Qualität der Betreuung verbessert werden. Bild: dpa

Mit dem Kitaausbau hat die Politik bei den Eltern Ansprüche geschaffen. Kinderbetreuung sei zuerst Aufgabe des Staates, heißt es. Kann die Politik das leisten?

          Seit langem hatte die Stadt angekündigt, die Kita-Beiträge zu erhöhen. Die Eltern sollten fortan ein Drittel der Kosten des Kita-Betriebs tragen; bisher war es deutlich weniger gewesen. Zwei Drittel sollte also weiterhin der Steuerzahler übernehmen. Am Tag der Entscheidung im Stadtrat protestierte der Stadtelternrat mit einem Text in der Lokalzeitung. Es war nicht das erste Mal, dass die Elternvertreter meckerten. Sie nannten es ein falsches Signal, „die Kosten für das Aufziehen von Kindern vor allem bei den Familien abzuladen“. Schließlich sei das eine „gesamtgesellschaftliche Aufgabe“. Da platzte einer Stadtverordneten der Kragen. In der Ratssitzung zitierte die CDU-Politikerin das Grundgesetz: Es ist nicht nur das Recht von Eltern, Kinder zu pflegen und zu erziehen, sondern auch „die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht“.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Deutschland im Jahr 2015: Es ist nicht mehr selbstverständlich, Kinderbetreuung in erster Linie als Aufgabe der Eltern zu sehen. Denn Mütter und Väter übertragen immer mehr von ihrer Erziehungspflicht Dritten – nicht nur im niedersächsischen Wunstorf, wo die Stadtverordnete Christiane Schweer mal kurz ans Grundgesetz erinnern musste. „Aber wenn wir die Kosten nicht erhöhen, leidet die Qualität. Und dann schreien sie da wieder.“ Alle Kommunen kennen das: Immer mehr Kleinkinder unter drei Jahren gehen in die Kita, im Osten mehr als die Hälfte, im Westen ein gutes Viertel. Nur die wenigsten Kinder zwischen drei und sechs Jahren werden vor dem Mittagessen vom Kindergarten abgeholt. Viele haben Vierzig-Stunden-Wochen in der Tagesstätte, verbringen mehr Zeit mit Erzieherinnen als mit Mutter und Vater.

          Eine Frage, zwei ideologische Antworten

          Was zuerst da war, die Nachfrage oder das Angebot, ist objektiv kaum zu beantworten. Wie bei allen Henne-und-Ei-Fragen gibt es aber zwei ideologische Antworten. Die eine lautet, die Politik orientiere sich bloß an den Bedürfnissen moderner Familien und arbeitswilliger Mütter; Kinder aller Schichten profitierten von der frühkindlichen Bildung, die viele Eltern sich wünschten, aber selbst nicht leisten könnten. Die Ideologen von der anderen Seite sagen dagegen, der Staat schaffe bewusst ein flächendeckendes Kita-Angebot, um die Gesellschaft nach seinem Mainstream-Modell zu formen – mit Doppelverdiener-Paaren, vollzeitnah arbeitenden Frauen, für den Trennungsfall perfekt abgesicherten Lebensabschnittspartnern.

          Aber je mehr Familien das Betreuungsangebot nutzen, desto stiller werden die Kritiker. Die Grabenkämpfe weichen Scharmützeln. Es geht weniger um die Frage, ob Ganztagsbetreuung an sich gut oder schlecht ist. Sie ist der Normalfall, den nur noch wenige still für sich ablehnen, weil sie mit ihren Kindern zusammen sein wollen und sich als Familie entsprechend organisieren. Als politisches Mantra aber gilt neuerdings:Lasst uns nicht mehr nur viele Kitas, sondern auch gute Kitas schaffen! Eltern finden das nicht zynisch, sondern lobenswert. Das abgegebene Kind soll viel Liebe bekommen und was lernen.

          Die Bertelsmann-Stiftung misst die Kita-Qualität in einer kürzlich veröffentlichten Studie daran, wie viele Kinder eine Erzieherin im Schnitt betreut. Derzeit sind es 4,4 Krippenkinder oder 9,5 Kindergartenkinder – und somit immerhin 0,4 Krippenkinder oder 0,3 Kindergartenkinder weniger als vor zwei Jahren. Ergebnis laut Stiftung: immer noch zu wenig Personal, aber ein positiver Trend. Das ist der Ist-Zustand, an dem sich die Diskussion entzündet. Alle sind sich einig: Beim Ausbau wurde Unglaubliches geleistet, aber bei der Qualität hapert es. Alle sind sich einig: Das kostet. Und hier ist es mit der Einigkeit vorbei.

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