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Illegaler Online-Handel : Das kriminelle Netz

Illegale Waffen und Drogen werden im Internet ganz offen gehandelt. Für Fahndungserfolge wie im Jahr 2011 in Lübeck braucht die Polizei viel Glück. Bild: Picture-Alliance

Gefälschte Ausweise, Drogen, Waffen: Im Internet kann man alles ganz offen kaufen - „Underground Economy Foren“ machen es möglich. Für die Kriminellen bedeuten die Geschäfte: minimales Risiko bei maximalem Gewinn.

          Kriminelle bieten im Internet immer öfter unverhohlen Drogen, Falschgeld, Waffen, gefälschte Ausweise, gestohlene Kreditkartendaten und andere illegale Waren an. Sie tun das nicht etwa nur im verschlüsselten sogenannten Darknet, sondern auch auf Seiten, die sich mit gängigen Suchmaschinen wie Google ohne jeden Aufwand finden lassen. Es gibt speziell auf den deutschen Markt ausgerichtete Internetforen mit zum Teil mehr als 50.000 Mitgliedern, die allein dem Zweck dienen, illegale Waren zu verkaufen und zu erwerben oder sich über kriminelle Machenschaften auszutauschen. Daten-, Waffen- und Drogenhändler schalten auf diesen Foren Werbung. Mit einem Klick gelangt man in die Shops, wo es beispielsweise Heroin, Kokain, Crystal Meth, Speed oder falsche Pässe, Führerscheine und Fünfzig-Euro-Blüten gibt. Es sind illegale Marktplätze, die für jeden erreichbar sind – so leicht zu finden wie Amazon oder Zalando.

          Philip Eppelsheim

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Es handelt sich um eine Entwicklung, die erst angefangen hat und die sich nach Aussagen von Ermittlern nicht aufhalten lässt. „Es gibt keinen anderen Bereich, der so schnell wächst und sich so schnell verändert. Sechs Monate im Netz sind wie zehn Jahre im realen Leben“, sagt Oberstaatsanwalt Andreas May von der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität in Gießen, die zur Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt gehört. May und seine Kollegen kennen die Szene aus vielfachen Ermittlungen. Im Netz, so May, würden „Allianzen zwischen Personen geschmiedet, die im realen Leben niemals möglich wären“. Klassische Waffenhändler und Drogendealer treffen dort auf hochgebildete junge Leute, oft noch Heranwachsende, die sich um die technischen Aspekte kümmern. Persönliche Kontakte sind dabei nicht notwendig. Man kennt nicht einmal die Namen seiner Geschäftspartner. Auch nach Einschätzung des Bundeskriminalamts spielen die Internetforen eine „zunehmend zentrale Rolle bei der Begehung von Straftaten“ im Bereich der Internetkriminalität.

          Minimales Risiko, maximaler Gewinn

          Die illegalen Internetshops sind gestaltet wie die Seiten ganz normaler Händler: als würden Kleidung oder Parfum verkauft. Es gibt Bilder der Ware, Beschreibungen, Mengenrabatt. Drogendealer werben mit „hochqualitativen Produkten“ und „echtem Kundenservice“. Die Dealer informieren über Versandkosten und Versandzeiten, auch über Streiks bei der Post. Es gibt Anleitungen zum Bezahlsystem, besonders treue Kunden erhalten Gratisproben. Bezahlt werden die illegalen Waren meist mit der digitalen Geldeinheit Bitcoin oder mit Gutscheinen großer legaler Versandhändler, die von den Dealern zu Geld gemacht werden. Oft haben die Käufer sogar die Möglichkeit, einen Treuhandservice zu nutzen: Der Verkäufer erhält das Geld erst, wenn die Ware angekommen ist. Die Käufer können Ware und Abwicklung auch bewerten. Manche Verkäufer haben Zehntausende Bewertungen.

          Für die Kriminellen bedeuten die Geschäfte im Netz minimales Risiko bei maximalem Gewinn. Sie bleiben anonym und bekommen die gesamte Infrastruktur gestellt, die sie für ihre illegalen Geschäfte brauchen – vom Großhändler über den Verkäufer bis hin zum Lieferanten. Alles, was es im legalen Gewerbe gibt, existiert auch auf den illegalen Marktplätzen im Netz. Zudem erreichen die Kriminellen Abertausende potentieller Kunden. Welcher Jugendliche sucht schon einen Straßendealer auf, wenn er die Drogen daheim am Rechner bestellen kann? Geliefert werden die illegalen Waren dann oft an gehackte Paketstationen, damit Absender und Empfänger unbekannt bleiben. Die Zugänge zu den Paketstationen kann man auch auf den illegalen Marktplätzen kaufen.

          Selbst Laien können ohne viel Aufwand Zugang erhalten

          Oberstaatsanwalt May sagt: „Das Zauberwort lautet: Crime as a service.“ Verbrechen als Dienstleistung. Das bedeutet, „dass potentielle Internet-Straftäter auch ohne eigene technische Kenntnisse und mit vergleichsweise geringem Aufwand Zugang zu hochentwickelten Werkzeugen erhalten, mit denen alle Formen von Internet-Straftaten beziehungsweise Cyberangriffen ausgeführt werden können.“ So ist es auch für Laien problemlos möglich, illegale Waren anonym zu kaufen und zu verkaufen oder digitale Identitäten heimlich auszuspähen und zu nutzen.

          Die Täter zu ermitteln ist aufwendig. May sagt: „Wir müssen schauen, dass jemand Fehler macht. Die Möglichkeit, sich zu anonymisieren, sind vielfältig und leicht zu nutzen.“ Dennoch ist den Ermittlungsbehörden erst vor gut einem Monat ein Schlag gegen sogenannte „Underground Economy Foren“ gelungen, auf denen Drogen, gefälschte Ausweise und ausgespähte Daten gehandelt wurden. Mehrere Online-Märkte wurden dichtgemacht, neun Männer festgenommen, unter anderem 36 Kilogramm Amphetamin sichergestellt. Vor wenigen Tagen wurde bei einer großangelegten Razzia ein Mann festgenommen, der als „Infrastrukturdienstleister für Kriminelle“ tätig gewesen sein soll.

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