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Der Fall Schockenhoff : Dienst ist Dienst - und viel Alkohol

Andreas Schockenhoff Bild: dpa

Andreas Schockenhoff hat es in der CDU weit gebracht, obwohl sein Alkoholismus kein Geheimnis blieb. Nun versucht er, seine Karriere zu retten, nachdem er stark alkoholisiert Unfallflucht begangen haben soll.

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          Ein Kreismusikfest in Baindt darf ein oberschwäbischer Bundestagsabgeordneter in seinem Wahlkreis keinesfalls versäumen. Musikfeste sind Pflichttermine. „Baindt - das geht ab!“ war das Motto des mehrtägigen Festes mit dem in der Gemeinde in der Nähe von Weingarten die Gründung des Musikvereins gefeiert wurde. Versprochen war ein „vielfältiges Programm“. Mit „Original Oberkrainern“, „DJ Ötzi“ und einer „Allgäu-Schussen-Party“.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Für den CDU-Bundestagsabgeordneten Andreas Schockenhoff könnte das Fest zu einem Wendepunkt in seinem Leben geworden sein. Am Abend des 2. Juli besuchte Schockenhoff das Jubiläumsfest und rammte offenbar im alkoholisierten Zustand beim Verlassen des Parkplatzes ein anderes Fahrzeug.

          Nach bisherigen Erkenntnissen fuhr Schockenhoff dann nach Ravensburg, wo er wohnt. Die Staatsanwaltschaft Ravensburg ermittelt nun gegen den CDU-Politiker. Sie wirft ihm vor, sich unerlaubt vom Tatort entfernt zu haben und in stark alkoholisiertem Zustand Auto gefahren zu sein. Eine spätere, erst auf richterliche Anordnung genommene Blutprobe ergab dann eine starke Alkoholkonzentration im Blut: zwei Promille. Mit 1,1 Promille ist man laut Gesetz fahruntüchtig. 1995 und 1998 war der Politiker nach Angaben der Staatsanwaltschaft schon einmal alkoholisiert am Steuer angetroffen worden.

          „Muss mich in ärztliche Behandlung geben“

          Schockenhoff verweigerte zunächst die Blutentnahme. Er gab an, unter den 3000 Festgästen habe er den Halter des beschädigten Fahrzeugs nur schwer ausfindig machen können. Den hohen Promillewert erklärte er zunächst mit dem Hinweis, er habe zu Hause noch weiter getrunken. Am Donnerstag trat er dann mit Hilfe seiner Anwälte die Flucht nach vorn an.

          Sein Berliner Abgeordnetenbüro ließ eine persönliche Erklärung verbreiten, die zugleich ein Bekennerschreiben ist: „Ungeachtet des Ermittlungsverfahrens gegen mich bin ich für mich selbst zu der Überzeugung gekommen, dass ich mich in den nächsten Tagen in ärztliche Behandlung und stationäre Therapie begeben muss. Die letzten Jahre haben mich privat und gesundheitlich sehr gefordert. Mir ist bewusst, dass ich alkoholkrank bin“, schrieb Schockenhoff. Bei Freunden und seiner Familie entschuldige er sich, er habe seine Familie und seine Freunde mit seiner Krankheit „schwer belastet“.

          Dass sich der 1957 in Ludwigsburg geborene Politiker seit Jahren in bedenklichem Zustand befindet, war in Oberschwaben vielen seiner politischen Freunde bekannt. Mal unterschrieb er bei einem offiziellen Termin, ohne zu merken, dass er den Stift über eine Plastikfolie führte, mal vergaß er Termine. Der Tod seiner ersten Frau, die ständigen Reisen in die Bundeshauptstadt, das Erziehen seiner drei Kinder - all das war für den früheren Studienrat eine große Belastung. Seine persönliche Lebenssituation verbesserte sich auch nach einer zweiten Ehe und trotz einer beachtlichen Karriere in Berlin nicht.

          Schockenhoff wollte eigentlich noch einmal antreten

          Häufig soll er Gast in der Ravensburger Ratsstube gewesen sein. Das ist gemeint, wenn er in seiner persönliche Erklärung davon spricht „privat und gesundheitlich“ sehr gefordert gewesen zu sein. Er hofft nun, durch einen offenen Umgang mit seiner Krankheit, verloren gegangenes Vertrauen wieder zurück gewinnen zu können. „Für meine politische Arbeit bedeutet das überhaupt nichts, ich werde mich in der Sommerpause in Behandlung begeben“, sagt der CDU-Politiker, der seit 1990 Mitglied des Bundestags ist und seit 2005 stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Unionsfraktion. Als Außenpolitiker verursachte er mit seiner Forderung, einen nationalen Sicherheitsrat einzurichten, während der großen Koalition einigen Wirbel.

          Innerhalb der baden-württembergischen CDU gehörte er als Bezirksvorsitzender von Württemberg-Hohenzollern zum konservativen Flügel des Landesverbandes. Er konzentrierte sich auf seine politische Arbeit in Berlin. In die Landespolitik mischte er sich eher selten ein. Allerdings gehörte er 2008 zu denjenigen, die eine Nominierung des früheren grünen Politikers Oswald Metzger für einen sicheren CDU-Bundestagswahlkreis mit verhinderten.

          Schockenhoff ist offenbar der Auffassung, seine politische Karriere im Herbst, nach einer ärztlichen Therapie mehr oder weniger ohne Kollateralschaden fortsetzen zu können. Dabei gab es schon 2008 erste Indizien für einen Ansehensverlust innerhalb der CDU: Bei der Nominierung für den Bundestagswahlkreis Ravensburg erzielte sein Herausforderer Eugen Adler eine sehr respektables Ergebnis.

          Am 22. Oktober muss auf einem Bezirksparteitag der Vorsitzende gewählt werden. Schockenhoff wollte eigentlich noch einmal antreten. Jetzt spricht er davon, dass sich die politische Situation geändert habe: „Bald könnte der Bundestagsabgeordnete Thomas Strobl Parteivorsitzender sein, der Bezirksvorsitzende von Südbaden ist ein Bundestagsabgeordneter. Da stellt sich die Frage, ob es nicht besser ist, einen Landespolitiker an der Spitze des Bezirksverbandes zu haben.“ Das wolle er noch am Freitag mit dem Bezirksvorstand diskutieren.

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