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Geschönter Lebenslauf : Hinz und Kunz

Hat für ihren Lebenslauf Abitur und juristische Staatsexamina erfunden: Petra Hinz Bild: dpa

Fehlende Studien- und Berufsabschlüsse gelten in der Politik als Makel – es sei denn, man weiß sie geschickt umzudeuten. Wenn der wilde Lebenslauf zur Heldengeschichte wird.

          Wer die Stimme von Petra Hinz hören will, muss nur beim Bundestag anrufen und sich mit dem Büro der Abgeordneten verbinden lassen. Anders als es sonst üblich ist, hat sie ihren Anrufbeantworter persönlich besprochen. Selbstbewusst tönt sie aus dem Hörer: „Ich/wir rufen umgehend zurück.“ Tut sie aber nicht.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Hinz hat kürzlich zugegeben, ihren Lebenslauf gefälscht, ein Abitur und juristische Staatsexamina erfunden zu haben. Zwar hat sie angekündigt, ihr Mandat niederzulegen, hat das aber bisher nicht getan. Die Kommunikation mit ihr ist auch für die SPD schwierig, immer wieder müssen die Genossen auf Nachricht warten. Am Donnerstag verkündete der Unterbezirk Essen, dass man immerhin per E-Mail von Hinz informiert worden sei. Sie habe alle Ämter in der Partei, auch im Essener Ortsverein niedergelegt. Auf ihr Mandat im Bundestag will sie aber offenbar immer noch nicht verzichten.

          Mangel an Disziplin, Fleiß oder Intelligenz

          Der Fall Hinz wirft die Frage auf, warum Abgeordnete glauben, es nötig zu haben, ihre Lebensläufe zu fälschen und Qualifikationen wie Abitur oder Hochschulabschluss zu erfinden. Schließlich gibt es in allen Parteien Beispiele für steile Karrieren ohne diese Bildungsabschlüsse. Den Lebenslauf umzuschreiben oder zumindest etwas zu schönen, ist allerdings bei Politikern nichts Ungewöhnliches. Das gilt gerade dann, wenn es um Studien- und Berufsabschlüsse geht. Ein abgebrochenes Studium und damit in Verbindung meist ein fehlender Beruf werden als Makel angesehen. Das gilt für die Öffentlichkeit, aber auch in den Parteien selbst. Im Wettbewerb in der eigenen Partei kann dieses Manko von den Konkurrenten eingesetzt werden, um einen Vorteil zu erlangen.

          Eine beeindruckende Präsentation ist schließlich wichtig, wenn es um die Aufstellung eines Direktkandidaten für den Wahlkreis oder einen aussichtsreichen Platz auf der Parteiliste geht. In der Öffentlichkeit gilt ein Politiker, der ein Studium abgebrochen hat und ohne bürgerlichen Beruf dasteht, schnell als einer, dem es an Disziplin, Fleiß oder Intelligenz mangelt. Betroffene Politiker berichten etwa von Hass-E-Mails, die sie erhalten hätten, als ihr fehlender Studienabschluss bekannt wurde. Deshalb ist die Neigung groß, einen solchen Makel im Lebenslauf zu bemänteln. So führen betroffene Abgeordnete im Bundestagshandbuch oder auf der Homepage zwar gern auf, dass sie studiert haben. Das Fehlen des Abschlusses aber verschweigen sie.

          „Studium der Politik- und Rechtswissenschaften an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen“ gibt etwa die CDU-Politikerin Annette Widmann-Mauz im Bundestagshandbuch an. Abgeschlossen hat sie das Studium nicht, was sie nicht erwähnt. Dafür weist sie darauf hin, dass sie von 1993 bis 1998 „Mitarbeiterin“ am EU-Projekt „European Studies Program“ (ESP) der Universität war. Da sie aber keinen Abschluss hatte, war sie nur studentische Mitarbeiterin.

          Falsche Angabe durch „Verwechslung“ der Abkürzungen

          Nach mehr als einem Jahrzehnt als Studentin wurde Frau Widmann-Mauz dann 1998 Abgeordnete im Bundestag. Sie hat es weit gebracht: Seit sieben Jahren ist die 50 Jahre alte Politikerin Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Gesundheit, seit bald vier Jahren sitzt sie im Bundesvorstand der CDU, und seit September vergangenen Jahres ist sie Bundesvorsitzende der Frauen Union Deutschlands.

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