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Der Fall Haderthauer : Bayerische Miniaturen

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Unangenehme Betrugsermittlungen gegen die Staatskanzleiministerin: Ministerpräsident Horst Seehofer hält vorerst an Christine Haderthauer fest Bild: dpa

In der „Modellauto-Affäre“ beantragt die Staatsanwaltschaft die Aufhebung der Immunität von Christine Haderthauer. Noch hält Ministerpräsident Seehofer an seiner Staatskanzleiministerin fest.

          Eines kann der CSU nicht abgesprochen werden: Die Affären, die sich um manche ihrer Protagonisten ranken, sind alles andere als farblos. Da ist die Käseschachtel-Affäre, bei der ein CSU-Politiker veruntreute Gelder in seine Kartonagenfabrik investierte. Da ist die „Schüttelschorsch-Affäre“ mit dem früheren CSU-Fraktionsvorsitzenden Georg Schmid, der in seiner aktiven Zeit nicht nur unermüdlich Hände von Wählern, sondern auch den Staatssäckel schüttelte; er zahlte seine Frau ansehnliche Summen für Schreibarbeiten, die ihm der Landtag erstattete. Und da ist die „Modellauto-Affäre“, welche die Staatskanzleiministerin Christine Haderthauer jetzt ihr Amt und ihre politische Karriere kosten könnte.

          Die Modellautos, die ein verurteilter Mörder im Maßregelvollzug fertigte und die von einem Unternehmer vermarktet wurden, an dem zunächst Christine Haderthauer, später ihr Mann Hubert beteiligt war, bereiten der Ministerin schon seit einiger Zeit Ärger. Sie versuchte ihn vom Münchner Kabinettstisch mit dem Hinweis zu wischen, ihr Engagement in dem Unternehmen liege vor ihrer Zeit als Landespolitikerin und Ministerin – und hatte damit zunächst auch Erfolg. Der CSU-Vorsitzende und Ministerpräsident Horst Seehofer nahm seine Lieblingsrolle als moralischer Präzeptor ein und ließ wissen, er werde allen „Aktionen entgegentreten, die das erkennbare Ziel haben, Personen herabzusetzen oder sie politisch zu vernichten.“

          Krisensitzung in der Staatskanzlei

          Am Dienstag folgte auf die Donnerworte zunächst Schweigen. Um 10.44 Uhr sagte Seehofers Staatskanzlei eine Pressekonferenz mit Christine Haderthauer ab. Um 11.51 Uhr kam die Eilmeldung, die Staatsanwaltschaft München II habe die Aufhebung der Immunität Haderthauers als Landtagsabgeordnete beantragt. Gegen sie und ihren Mann solle in der Modellauto-Affäre wegen des Verdacht des Betrugs ermittelt werden. Erst nach Stunden und einer internen Krisensitzung meldete sich die Staatskanzlei zu Wort. Um 16.02 Uhr teilte sie mit, allein die Aufnahme staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen begründe keine Notwendigkeit, personelle Konsequenzen zu ziehen: „Die Amtsführung als Staatsministerin ist dadurch nicht tangiert“. Es müsse das Ergebnis der Ermittlungen abgewartet werden.

          Hubert Haderthauer war Arzt im Maßregelvollzug in Ansbach, als er 1988 einen Patienten, einen dreifachen Mörder, kennenlernte, der kunstvolle Modellautos fertigte. Die Juristin Christine Haderthauer wurde 1993 Gesellschafterin eines Unternehmens, dass die Modelle vermarktete. Sie erzielten bei Sammlern hohe Preise. 2007 wurde bei dem Auktionshaus Christie‘s ein Modell eines Rolls Royce des Baujahres 1904 für 23.180 Dollar versteigert. Es sei das erste Modell, das Hubert Haderhauer, „a Criminal pathologist“, vor 35 Jahren gefertigt habe, hieß es in einem Begleittext. Christie‘s feierte die künstlerischen Fähigkeit Hubert Haderthauers, der ein atemberaubendes Werk geschaffen habe. Im gleichen Jahr versteigerte das Auktionshaus ein Modell eines Mercedes-Benz SSK für 32.200 Dollar.

          Wieder wurde Hubert Haderthauer in den Modellbauer-Himmel gehoben; er verbinde die Kunst eines Bildhauers mit den Fähigkeiten eines Ingenieurs. Haderthauer war 1988 allerdings, als er ins Ansbacher Bezirkskrankenhaus kam, weder Bildhauer noch Ingenieur, sondern Facharzt für Psychiatrie. Der Modellbau war Teil einer Arbeitstherapie, bei der sich die ungewöhnliche Talente des dreifachen Mörders entfalteten.

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