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Der Fall Gustl Mollath : Späte Suche nach der Wahrheit

  • -Aktualisiert am

Konto mit Namen „Monster“ irritierte Staatsanwälte nicht

Die Anzeige erschöpfte sich aber nicht in solchen Ausbrüchen; in ihr wurden auch ein „Vermögensübertragungssystem“ in die Schweiz für Kunden der Bank, bei der Frau Mollath beschäftigt war, geschildert und Namen von angeblich beteiligten Bankmitarbeitern und Kunden benannt. Hier setzt eine weitere bittere Wahrheit im Fall Mollath ein; es ist immer noch ein Rätsel, wie die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth im Februar 2004 zu dem Schluss kam, aus den „unkonkreten Angaben“ Mollaths ergebe sich „kein Prüfungsansatz, der die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens rechtfertigen würde“. Auch, dass in der Anzeige ein konkretes Konto in Zürich mit dem Namen „Monster“ genannt wurde, irritierte die Staatsanwälte nicht.

Die Arbeitgeberin Frau Mollaths, eine deutsche Großbank, an die er sich auch gewandt hatte, war schon im März 2003 nach einer aufwendigen Prüfung zu dem Ergebnis gekommen, er besitze „Insiderwissen“. Alle „nachprüfbaren“ Behauptungen Mollaths träfen zu, hieß es in dem Prüfbericht, der als so gravierend betrachtet wurde, dass er zwei Konzernvorständen zugeleitet wurde. Die Staatsanwaltschaft erhielt ihn erst 2011 zur Kenntnis – da saß Mollath schon fünf Jahre in psychiatrischen Kliniken. In dem Urteil des Jahres 2006 hieß es nur, es möge schon sein, „dass es Schwarzgeldverschiebungen von verschiedenen Banken gegeben hat bzw. noch gibt“, wahnhaft aber sei, dass Mollath fast alle Personen, die mit ihm zu tun hätten, mit solchen Manipulationen in Verbindung bringe.

Das Urteil liest sich beklemmend. Die Beweiswürdigung erschöpfte sich darin, dass referiert wurde, an der Glaubwürdigkeit von Petra Mollath, die inzwischen von Gustl Mollath geschieden war, habe die Strafkammer „keine Zweifel“. Die Angaben des Opfers würden durch das Attest, das in der Hauptverhandlung verlesen worden sei, bestätigt. Die Ärztin, die das Attest angeblich ausgestellt hatte, wurde nicht als Zeugin gehört. Dadurch fiel nicht auf, dass es nicht von ihr, sondern von ihrem Sohn unterschrieben war, der als Arzt in der Praxis tätig war. Das Oberlandesgericht Nürnberg sah darin im vergangenen Jahr einen Grund für die Wiederaufnahme des Verfahrens und für die sofortige Entlassung Mollaths aus der psychiatrischen Klinik. Bei einem Attest gehe es um „höchstpersönliche Wahrnehmungen“ eines Arztes; hier gebe es keine zulässige Stellvertretung.

Gustl Mollath nach seiner Entlassung aus der Psychiatrie
Gustl Mollath nach seiner Entlassung aus der Psychiatrie : Bild: dpa

Mollath ist 2006 – daran gibt es keine Zweifel – in einem rechtlich nicht einwandfreien Verfahren in die psychiatrische Klinik eingewiesen worden. Ob diese Einweisung auch unumgänglich gewesen wäre, wenn in seinem Fall korrekt verfahren worden wäre, ist eine andere Frage. Immerhin ist nach dem Urteil mehrfach von Gutachtern – darunter von zwei renommierten Wissenschaftlern, dem Berliner Hans-Ludwig Kröber und dem Ulmer Friedemann Pfäfflin – bejaht worden, dass sein geistiger Zustand eine zwangsweise Unterbringung erfordere. Pfäfflin schrieb 2011 in einem fünfzig Seiten umfassenden Gutachten, wahnhaftes Erleben gehe nicht selten von einem konkreten Kern beobachteten oder selbst erfahrenen Unrechts aus.

Mollath ist für viele, die glauben, dass ihnen Unrecht widerfahren ist oder widerfährt, eine Symbolfigur geworden. Sie hören nicht gerne, dass beides möglich gewesen sein könnte – dass das Urteil des Jahres 2006 mangelhaft, er aber dennoch in einem Wahn gefangen war. Für die Beurteilung seiner geistigen Gesundheit und einer möglichen Gefährlichkeit ist jetzt nicht das Jahr 2006, sondern das Jahr 2014 entscheidend – und hier dürfte die Regensburger Strafkammer es nicht an der gebotenen Sorgfalt fehlen lassen, das zeigt die Fülle der Verhandlungstermine. Gerichtssäle sind meist keine Orte der Empathie: Niemandem, der Mollath erlebt, kann aber entgehen, dass er jenseits rechtlicher und psychiatrischer Bewertungen Leid erlitten hat.

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