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AfD-Kommentar : Der Respekt der Respektlosen

  • -Aktualisiert am

Die AfD-Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch holt vor Beginn der ersten Fraktionssitzung ihrer Partei im Bundestag ihr Namensschild ab und präsentiert es. Bild: dpa

Einigen AfD-Abgeordneten fällt der Wechsel von Volkstribunen zu Berufspolitikern sichtlich leicht. Das beunruhigt den Parteivorsitzenden Meuthen offenbar so, dass er auf dem Parteitag gegensteuert.

          Das Mitgliedermagazin der AfD kann eine erhellende Lektüre sein. Neulich beschrieb dort die neue AfD-Abgeordnete Mariana Harder-Kühnel ihre Eindrücke aus dem Bundestag. Es klang ein bisschen wie aus dem Poesiealbum. „Mein persönliches Highlight in dieser Woche war, dass ich erstmals vorne im Bundestagspräsidium Platz nehmen und die Bundestagsvizepräsidenten bei der Versammlungsleitung unterstützen durfte“, schrieb Harder-Kühnel. Dazu stellte sie ein Foto. Man sehe ihr an, dass es „ein reines Vergnügen“ war, schrieb sie. Wie bitte? Ein reines Vergnügen?

          Das hatte am Wahlabend noch anders geklungen. Da hatte der heutige Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland getönt: „Wir werden sie jagen. Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen.“ Davon, sich vergnügt neben die Bundestagsvizepräsidenten zu setzen, war keine Rede gewesen. Der Widerspruch zwischen beidem besteht nicht darin, dass Gauland etwas Unfreundliches sagte und Harder-Kühnel etwas Fröhliches. Es geht nicht um Tonlagen oder Schattierungen der Radikalität. Es geht um das Verhältnis zum sogenannten Establishment.

          Gaulands Aussage war Populismus in Reinform gewesen. In der Logik des übliche Parteijargons vertritt allein die AfD das Volk, die „Volksverräter“ der „Altparteien“ tun es nicht – sie billigen die „Masseneinwanderung“ und nehmen damit den „Volkstod“ der Deutschen in Kauf. In dieser Logik tritt jemand wie Gauland als derjenige an, der die „Oligarchie“ der Eliten beendet. Politiker anderer Parteien hingegen sind nicht mehr als Diebe einer Macht, die dem angeblich wahren Volk zusteht.

          Harder-Kühnel ist nicht allein. Auch anderen AfD-Abgeordneten fällt der Rollenwechsel von Volkstribunen zu Berufspolitikern sichtlich leicht. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Beatrix von Storch fotografierte für ihre Follower stolz ihre neuen Bürocomputer. Schick sind die. Andere fotografierten den Plenarsaal, um zu beweisen, wie fleißig die AfD-Leute im Kreisrund sitzen und wie leer die Reihen der „Altparteien“ sind. Dabei ist der Bundestag ein Arbeitsparlament, die Abgeordneten sollen in Gremien über Problemlösungen nachdenken und nicht im Plenum sitzen und klatschen. Trotzdem: Die Anwesenheit zeigt den heimlichen Respekt der Respektlosen.

          Dem Parteivorsitzenden Jörg Meuthen bereitet dieser Eindruck offenbar Sorge. Die Partei sei nicht „angekommen im Establishment“, versicherte er in seiner Rede auf dem Bundesparteitag in Hannover. „Und lassen Sie mich das klar sagen: Das wollen wir auch gar nicht sein. Nicht um die Futtertöpfe des Landes geht es uns, sondern um unser Land.“ Ist das so? Die Brutalität, mit der Meuthens Parteifreunde um jene Futtertöpfe gekämpft hatten, machte einen weniger idealistischen Eindruck.

          Das hätte anders kommen können. Die AfD-Fraktion hätte sich als Parlamentspegida entpuppen können, mit Plakaten, Sprechchören und Störungen. Stattdessen nehmen die Abgeordneten teil an einem Parlamentsprozess, den sie kürzlich noch durch eine direkte Volksdemokratie aushebeln wollten. Der Bundestag hat die AfD damit jetzt schon mehr verändert als sie ihn.

          Mit einer inhaltlichen Mäßigung hat all das freilich nichts zu tun. Ein Verzicht auf ihren Alleinvertretungsanspruch für das Volk macht die AfD nicht zu einer staatstragenden Partei. Er nimmt aber viel von ihrem Neuen, Unheimlichen. Ohne diesen Populismus ist die AfD eine nationalkonservative bis rechtsradikale Partei. Solche gab es in der Nachkriegszeit schon viele. Sie sind alle gescheitert.

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