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Engagement-Stiftung : Helft dem Ehrenamt!

Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr in Aukrug-Homfeld Bild: dpa

Die Koalition plant eine Stiftung, die dem Ehrenamt in Deutschland als eine Art Serviceagentur helfen soll. Das ist gut und richtig, wie allein ein Blick auf die demographische Entwicklung zeigt.

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          Der Bundestag debattierte am Freitag über das Ehrenamt. Anlass war, dass Union und SPD sich vorgenommen haben, eine Ehrenamtsstiftung zu gründen. Das dürfte noch in diesem Jahr beschlossen werden. Denn Anfang des neuen Jahres soll die Stiftung schon loslegen. Sie soll über das Ehrenamt informieren, Bürger beraten und natürlich auch für gesellschaftliches Engagement werben. Immerhin sind dafür bis zu hundert Stellen vorgesehen, keine ehrenamtlichen, versteht sich. Richtig so.

          Dreißig Millionen Menschen in Deutschland leisten in der einen oder anderen Weise einen individuellen Beitrag zum allgemeinen Wohl, ob in der Kommunalpolitik, bei der Feuerwehr, der Kirche oder im Förderverein. Das Ehrenamt ist der Kitt der Gesellschaft. Wie sehr dieser Kitt auch künftig nötig ist, zeigt allein ein Blick auf die demographische Entwicklung. Und das gleich in zweifacher Hinsicht: Schon heute gibt es die Tendenz, dass der Staat sich von Aufgaben zurückzieht, sei es bei der Infrastrukturentwicklung, bei sozialen Projekten, vor allem in den Tiefen des ländlichen Raums. Ehrenamtler müssen dann in die Lücke springen. Gleichzeitig dürfte es bald aber auch mehr Ehrenamt geben, allein weil jetzt die geburtenstärksten Jahrgänge der Bundesrepublik ins Rentenalter kommen und viele der „jungen“ Rentner ein Ehrenamt übernehmen werden, um zu tun, wofür sie in ihrem Arbeitsleben nie ausreichend Zeit hatten.

          Aber ist es da nicht widersinnig, dass der Staat sich einerseits zurückzieht, andererseits mit so einer Stiftung aufwartet, die selbst kein Fördergeld auszahlt, aber dreißig Millionen Euro im Jahr kostet? Auf keinen Fall. Denn es darf nicht zu kurz gedacht werden. Ehrenamtliche Arbeit ist immer stärker belastet von Bürokratie, manchmal auch durch schwierige Steuer- und Versicherungsfragen. Der Förderdschungel ist so dicht, dass viele gar keinen Weg hineinfinden. Da soll die Stiftung helfen, um Ehrenamtliche von dem zu entlasten, was am Ehrenamt keinen Spaß macht. Und das gerade auch dort, wo nicht alle dauernd hinsehen. Die Idee für die Stiftung hatte die Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“. Sitz soll im mecklenburgischen Neustrelitz sein. Damit ist schon mal ein Ziel der Kommission erfüllt: dass der Bund neue Einrichtungen in den neuen Ländern ansiedelt.

          Das Weitere wird davon abhängen, wie sich die Stiftung selbst aufstellt und wie sie geführt wird. Über die Struktur wird auch noch im Bundestag diskutiert. Eines aber darf sie auf keinen Fall werden: Erfüllungsgehilfe des Staates, der sich elegant gewisser Aufgaben zu entledigen sucht. Es ist nämlich ein Irrtum, dass das funktioniert. Das Gegenteil ist richtig: Nur wo der Staat seine Verpflichtungen ernst nimmt, werden Bürger auch gern und aus innerem Antrieb heraus ehrenamtliche Arbeit tun. Ansonsten droht eine Entfremdung, die allen sozialen Sinn einschläfert. Die politischen Folgen sind an einigen Stellen schon zu beobachten. Immer wieder werden ehrenamtliche Bürgermeister oder Ortsbeiräte, aber auch freiwillige Helfer etwa bei der Feuerwehr beschimpft und angegriffen. Ihnen fehlt schon heute das Vertrauen, dass der Staat ihre Arbeit nicht nur anerkennt und in Bundestagsreden lobt, sondern auch schützt. Die Stiftung könnte den Blick dafür wachhalten und so tatsächlich etwas für den gesellschaftlichen Zusammenhalt tun.

          Frank Pergande
          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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