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Bildungsbericht 2016 : Sozialer Sprengstoff

Unterricht in der Grundschule Burmesterstraße in München Bild: dpa

Der Bildungsbericht 2016 zeigt wachsende Ungleichheiten – zwischen sozialen Schichten wie zwischen Regionen. Außerdem lässt sich ein neuer Trend im Osten Deutschlands beobachten.

          3 Min.

          Die Kluft zwischen einer leistungsstarken Gruppe mit immer höherem Bildungsabschluss und einem wachsenden Anteil gering Qualifizierter birgt großen sozialen Sprengstoff. Das geht aus dem Bildungsbericht 2016 unabhängiger Wissenschaftler hervor, der am Dienstag in Berlin vom Bundesbildungsministerium und der Kultusministerkonferenz vorgestellt wurde. Der Bildungsbericht dient Politik, Verwaltung und Praxis als Information über wesentliche Entwicklungen im Bildungssystem und wird alle zwei Jahre veröffentlicht.

          Heike Schmoll
          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Seit 2013 beginnen mehr Schulabgänger ein Studium als eine duale Ausbildung, der Trend zum Hochschulstudium ist ungebrochen und wird sich fortsetzen. Die Studienanfängerquote liegt bei etwa 58 Prozent. Studenten aus nichtakademischen Elternhäusern sind deutlich unterrepräsentiert, von den Eingewanderten schafft es nur eine kleine Spitzengruppe an die Universität.

          Unter den Hauptschulabsolventen hingegen machen sie den größten Anteil aus. Häufiger als Einheimische erreichen Jugendliche mit Einwanderungsgeschichte keinen Hauptschulabschluss und bleiben deshalb nahezu chancenlos im beruflichen System. Auffallend ist, dass etwa die Hälfte der ausländischen Auszubildenden ihren Vertrag wieder auflösen. Viele von ihnen landen im sogenannten Übergangssystem, das mühsam versucht, schulische Versäumnisse aufzuholen. Zumeist gelingt die Eingliederung ins Berufsleben jedoch nicht.

          Das ist insofern alarmierend, als der Anteil der Kinder mit Einwanderungsgeschichte unter zehn Jahren, der gegenwärtig bei 35 Prozent liegt, durch die Flüchtlingsströme noch mehr wachsen wird. Denn mehr als die Hälfte der Flüchtlinge ist unter 25 Jahre alt. Schon jetzt besucht über ein Drittel der Kinder mit nicht deutscher Familiensprache Kindertageseinrichtungen, in denen die Mehrheit der Kinder zu Hause ebenfalls kaum oder wenig Deutsch spricht.

          Erzieher und Lehrer gebraucht

          In Ballungszentren ist es sogar mehr als die Hälfte aller Kinder. Gelingt es aber nicht, die Kinder mit ausreichenden Deutschkenntnissen an die Schule zu übergeben, werden sie scheitern. Umso mehr Erzieher und Lehrer werden gebraucht, genauso zusätzliche Fachkräfte für Deutsch als Fremdsprache. Wenn 80 Prozent der Flüchtlinge in Deutschland bleiben, würde das allein im frühkindlichen Bereich mit 421 Millionen Euro zu Buche schlagen. Insgesamt wären drei Milliarden Euro für frühkindliche Bildung, Schule und Ausbildung zusätzlich erforderlich.

          Auszahlen werden sich die hohen Bildungsinvestitionen in zwanzig Jahren „in direkten Beiträgen zur Wertschöpfung“ und bei der Vermeidung von Sozialkosten. In allen Schularten müssten dringend Lehrer eingestellt werden, vor allem in den Berufsschulen, die bei der Bildungsintegration eingewanderter Jugendlicher eine Schlüsselrolle spielen.

          „Wichtig ist in diesem Zusammenhang der Befund, dass vermeintliche auf Migration zurückzuführende Bildungsunterschiede eher auf der sozioökonomischen Situation beruhen“, sagte die Bremer Senatorin für Kinder und Bildung, Claudia Bogedan, bei der Vorstellung des Berichts, deshalb müssten die sozialen Unterschiede abgebaut werden.

          Gefälle zwischen Nord und Süd

          Neben den sozialen Unterschieden in den Bildungserfolgen wachsen auch die regionalen. Das Gefälle zwischen Nord und Süd wächst. Das führt zu sehr ungleichen Rahmenbedingungen in den Schulen, was Kinder und Eltern spätestens bei einem Umzug zu spüren bekommen. Doch hier hören die Ungleichheiten im Bildungssystem nicht auf, denn auch die institutionellen Unterschiede wachsen.

          Der Bildungsbericht hat auch einen Anstieg von Schulen in freier Trägerschaft festgestellt. Die freien Schulen hätten zwar die besseren Schüler, seien aber oft nicht besser als öffentliche, sagte der Bildungsforscher Kai Maaz als Sprecher der Autorengruppe des Bildungsberichts.

          Am höchsten liegt der Anteil freier Schulen mit 18 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern, in Deutschland insgesamt liegt er bei elf Prozent, darunter sind vor allem kirchliche Träger, aber auch Waldorfschulen und häufig auch aus Elterninitiativen hervorgegangene freie Schulen. Während der höchste Anteil der freien Schulen bisher unter den Gymnasien und Realschulen zu finden war, sind es inzwischen vor allem Grundschulen und Förderschulen.

          Mehr private Grundschulen

          Artikel 7 Absatz 4 des Grundgesetzes bindet die Zulassung von Schulen in freier Trägerschaft an strenge Kriterien. Sie dürfen keine „Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern“ fördern, und sie dürfen in ihren Ansprüchen bei den Lernergebnissen und der wissenschaftlichen Ausbildung der Lehrer nicht hinter den öffentlichen Schulen zurückbleiben, auch das öffentliche System nicht gefährden.

          Im Grundschulbereich waren die Schulbehörden bisher in der Zulassung zurückhaltend, doch das scheint sich geändert zu haben: In ostdeutschen Regionen gibt es häufig keine öffentliche Grundschule mehr, sondern nur eine private Grundschule, die ein niedriges Schulgeld verlangt.

          Wegen des Schülerrückgangs um mehr als die Hälfte, so Mecklenburg-Vorpommerns Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) im Gespräch mit dieser Zeitung, mussten viele öffentliche Schulen im ländlichen Raum geschlossen werden, häufig hätten dann Elterninitiativen eine freie Schule gegründet und für die Sicherung des Schulstandorts gesorgt. So erklärt sich auch der hohe Anteil der Grundschulen unter den freien Schulen.

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