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Wahlen in Berlin : Mit Pokémon Go und Popkultur auf Wählerfang

  • -Aktualisiert am

„Sex sells“? Die „Junge Alternative“ in Marzahn-Hellersdorf wirbt mit freizügiger Frau. Inwiefern das die Bürger anregt die Jugendorganisation der AfD zu wählen? Bild: Twitter/ AFDLindemann/ Screenshot FAZ

Ein CDU-Wahlbus geht in Flammen auf, die AfD provoziert auf dem Christopher-Street Day, ein unabhängiger Kandidat wirbt mit Pokémon Go für sich. Die Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses beginnt vielfältig und brisant.

          Der Berliner Wahlkampf ist anders. Das zeigt allein die Aktion der AfD beim Christopher-Street-Day (CSD). Während des Events für Schwule und Lesben warb die Partei mit einem Plakat, das gleichgeschlechtliche Paare ansprechen sollte. Die CSD-Besucher zeigten schnell, was sie von der Aktion hielten und zerstörten. Die Skurrilität spiegelt den Kampf um die Wählerstimmen in der Hauptstadt gut wider. Ebenfalls für Zündstoff sorgt ein abgebrannter Wahlkampfbus des CDU-Politikers Thilo-Harry Wollenschlaeger, der am Freitag in Flammen aufging. Sechs Wochen, bevor die Berliner ihr Abgeordnetenhaus wählen, zeigt sich bereits die Brisanz.

          In der Hauptstadt ist der Kampf um Wählerstimmen so bunt wie in keiner anderen Stadt in Deutschland. Dies liegt an der Vielfalt der 21 Parteien, die zum Wahlkampf zugelassen sind, sagt Politikberater und Blogger Martin Fuchs im Gespräch mit FAZ.NET. In Hamburg traten zum Vergleich 13 Parteien zur Bürgermeisterwahl im vergangenen Jahr an. Fuchs arbeitet seit 2005 als Politikberater, einige Jahre davon in Brüssel und Berlin. Seit 2010 ist er verstärkt im Bereich digitaler Kommunikation tätig. Den Wahlkampf in der Hauptstadt beobachtet er genau.

          Keine andere deutsche Stadt hat eine solch breit aufgestellte Parteienlandschaft. In dem Pool an Parteien müssen sich besonders Kleinparteien freischwimmen, was auf kreative Weise versucht wird. Um Wählerstimmen einzufangen, macht sich Christian Friedrich, unabhängiger Kandidat für den Wahlkreis Pankow, den Hype des Smartphone-Spiels „Pokémon Go“ zu eigen, indem er für seinen Wahlkreis mit der Aufschrift „Pankowmon Go“ posiert. Jan Schrecker, Kandidat der Piratenpartei, wirbt mit „Better Call Jan“ und seiner Handynummer angelehnt an die Netflix-Serie „Better Call Saul“ auf seinem Plakat. Die Piraten sind auch die erste Partei, die mit einem beleuchteten Wahlplakat für sich werben.

          Die bisher erfolgreichste Aktion im Berliner Wahlkampf kommt von der FDP. Mit einem großen Werbebanner mit der Aufschrift „Dear start-ups, keep calm and move to Berlin“ fuhren sie Anfang Juli durch die Londoner Straßen und warben Start-Ups nach dem Brexit an. Mit dieser Kampagne konnten die Freien Demokraten angeblich 100 Millionen Menschen über Zeitungen, TV und Internet weltweit erreichen. „Das ist Wahlkampf im Jahr 2016 - den Parteien geht es vor allem um hohe Reichweiten“, erläuterte Fuchs. Selten lag der Fokus so sehr darauf, über besonders herausstechende Wahlkampagnen Stimmen für sich zu gewinnen.

          Die AfD sorgte zuletzt für Schlagzeilen, weil sie in Deutschland keine Werbeagentur für ihre Kampagne finden konnte. Genauere Angaben über die Werbeagentur, die im Berliner Wahlkampf nun für die Alternative für Deutschland die Werbeplakate gestaltet, wollte Bundespressesprecher Christian Lüth im Gespräch mit FAZ.NET nicht machen. Die nun zuständige Agentur möchte nicht genannt werden. „Ich kann aber sagen, dass wir im deutschsprachigen Ausland fündig geworden sind“, teilte der Pressesprecher mit.

          In den jüngsten Kampagnen versucht die Partei urbane Wählergruppen zu erreichen. Bisher war man vor allem im ländlichen Bereich erfolgreich. „Die AfD hat erkannt, dass sie in einer Großstadt wie Berlin anders auftreten muss“, sagt Fuchs. Kürzlich machte die Partei Homophobie und die Drogenpolitik zu ihrem Thema. Auf einem ihrer Motive wirbt die Partei mit einem jungen Mann mit Vollbart, der sich über die Finanzierung marokkanischer Dealer durch den Staat beschwert. Auf einem weiteren Motiv wird ein schwules Paar zitiert: „Mein Partner und ich legen keinen Wert auf die Bekanntschaft mit muslimischen Einwanderern, für die unsere Liebe eine Todessünde ist“.

          Auch Frauen sollen explizit angesprochen werden. Auf einem Plakatmotiv wird die Silvesternacht in Köln thematisiert, bei der es zu sexuellen Übergriffen kam. Dies macht die AfD sich zu eigen und spricht von mehr Sicherheit für Frauen. Es sind Zielgruppen, die von der Programmatik der AfD normalerweise nicht angesprochen werden. In der Stadt der verschiedensten Zielgruppen aber versucht die Partei eine abwechslungsreichere Kampagne. Neben gleichgeschlechtlichen Paaren und jungen Frauen sollen auch konservative Migranten angesprochen werden, die schon längere Zeit in Deutschland leben. Wie Martin Fuchs erklärt, verteilt die Partei aus diesem Grund Flyer auf türkischer und russischer Sprache.

          Ein Wahlplakat der AfD für die Wahl in Berlin zeigt ein schwules Paar, das gegen Einwanderer wettert.

          Ein Thema, das bei allen größeren Parteien im Vordergrund steht, ist die Sicherheit nach den Terrorattentaten von Würzburg, Ansbach und München. Der amtierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) kündigte im Sommerinterview der rbb-Abendschau eine stärkere Polizeipräsenz für die Hauptstadt an. Auch CDU-Spitzenkandidat Frank Henkel plädiert für mehr Sicherheit. Auf den Wahlplakaten ist das nicht dargestellt. Dort posiert Henkel mit seinem drei Jahre alten Sohn auf den Schultern. „Starkes Berlin“ ist das Leitmotto der Christdemokraten. „Berlin braucht blau“, titelt die AfD auf einem ihrer Motive. und fordert damit mehr Polizisten in der Hauptstadt.

          Angesicht des Terrors warnte Bürgermeister Müller zuletzt davor, dass populistische Parteien dies nutzen werden, um Stimmen zu gewinnen. Auf seinen Wahlplakaten ist er selbst kaum zu erkennen. Unscharf und im Hintergrund präsentiert die Berliner SPD ihren Spitzenkandidaten. Anstelle eines Logos der Sozialdemokraten steht dort nur „Müller, Berlin“. „Die Berliner stehen eindeutig im Mittelpunkt“, sagte Müller bei der Vorstellung der Motive. Politikbeobachter Martin Fuchs sieht darin eine klare Strategie. „Der Bürgermeister steht in seiner Stellung über der Partei, Müller möchte mit seinen Plakaten alle Berliner Bürger ansprechen, also nicht nur die klassischen SPD-Sympathisanten“. Die Plakate sind schlicht und ohne Aufschrift gehalten. Eine klare Äußerung lässt sich nicht erkennen - es bleibt viel Raum zur Interpretation.

          Ein weiteres Plakat zeigt eine junge Frau mit Kopftuch  - Müller fährt auf der Rolltreppe an ihr vorbei. In Berlin gibt es seit elf Jahren das sogenannte Neutralitätsgesetz, dass es Muslima verbietet, in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, Gerichten und Polizeistationen Kopftuch zu tragen. Fuchs ist sich sicher, dass die Berliner SPD mit der Kampagne ihre Toleranz verdeutlichen wolle, „Das Kopftuch gehört zu Berlin - mit der Kopftuchdebatte hat es die Berliner SPD geschafft, in die Diskussion zu kommen“, sagt Fuchs. Für Toleranz möchte auch die CDU in Berlin stehen und wirbt auf einem Plakat auf türkischer Sprache.

          Eines der Wahlkampfplakate des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD) zeigt eine Frau mit Kopftuch im Vordergrund, die eine Rolltreppe hinunter fährt.

          Wie in jedem Wahlkampf kommt es auch in diesem zu Verwüstungen und Zerstörungen von Plakaten. Die SPD beklagt kurz nach Beginn der Plakatierung bereits zahlreiche zerstörte Plakate. Oft seien sie durch Neonazi-Plakate ersetzt worden. Auch die Plakate der AfD gehören zu den häufigen Opfern von Verwüstung und Zerstörung. In einer Pressemitteilung spricht die Landespartei von 70 Plakaten, die abgerissen wurden.

          Es ist ein Wahlkampf mit den verschiedensten Themen, Wählerschichten und Parteikampagnen, der am Wochenende in der Hauptstadt begann. Die ernste Phase startet in zwei Wochen, wenn viele Berliner Bürger aus dem Urlaub kommen. Gut möglich, dass es dann noch bunter wird - sowohl in den Themen als auch auf den Plakaten.

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