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Deutsche Muslime und Juden : Integrationspolitik auf dem Friedhof

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Michael Müller, der regierende Bürgermeister von Berlin, und Raed Saleh, Fraktionsvorsitzender der Berliner SPD, vor der Sehitlik-Moschee. Bild: dpa

In Berlin lebende Muslime lassen sich bislang meist in muslimischen Ländern beerdigen. Das liegt auch daran, dass es in der Hauptstadt zu wenig Platz auf muslimischen Friedhöfen gibt. Das soll sich ändern.

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          Raed Saleh und Michael Müller haben am Freitag zusammen die Synagoge am Kreuzberger Fraenkelufer und die Sehitlik-Moschee in Neukölln besucht. Es werden die internationale Woche gegen Rassismus begangen, der SPD-Fraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus und der Regierende Bürgermeister (ebenfalls SPD) wollten „ein Zeichen setzen“. Alle zeigten sich in Bestform. Die Gemeinden schoben die Jungen und die Frauen nach vorn; sie wissen, dass sie im Verdacht stehen, Honoratiorenvereine zu sein. Für die SPD beginnt der Wahlkampf. Müller hat seine ersten hundert Tage im Amt gut überstanden, er erfreut sich größerer Beliebtheit als der vermeintliche Popstar Klaus Wowereit. Gewählt wird zwar erst im Herbst 2016, aber bis dahin soll sichtbar werden, dass mehr Bürgernähe, die Müller mehrfach versprochen hat, nicht nur ein guter Vorsatz war.

          Berlin hält sich viel darauf zugute, eine bunte, tolerante und weltoffene Stadt zu sein. Politiker aller Parteien berufen sich auf dieses Selbstbild, wann immer es geht. Lauscht man jedoch denen, die zwar seit Jahrzehnten in Berlin leben, aber weder „bio-deutsch“ noch christlich sind, klingt die Geschichte oft anders: Hasan Choudury etwa kam vor dreißig Jahren aus Bangladesch nach Berlin. Damals seien die Bengalen eine winzige Gruppe gewesen, inzwischen leben 3000 von ihnen in Berlin. „Es gibt kein Zurück“, sagte Choudury bei der gemeinsamen Versammlung der Bürgerplattformen Neukölln und Treptow-Köpenick in dieser Woche: „Die man kannte, sind auch ausgewandert oder sie sind gestorben.“ Im vergangenen Jahr hat Choudurys Frau ein totes Baby zur Welt gebracht. Er habe „ganz Berlin durchsucht“ nach einem muslimischen Friedhof und sei nach Gatow geschickt werden, weit weg vom Neuköllner Stadtteil Rudow, wo er wohnt. Es wäre schöner, wenn Muslime dort begraben werden könnten, wo sie lebten, sagt er.

          Seit über 50 Jahren lebten Muslime in Berlin und seien längst „hier zu Hause und keine Gastarbeiter mehr“, sagte Bahri Denis, dessen Firma Hicret seit 1997 islamische Bestattungen anbietet. Bis vor wenigen Jahren hieß das meistens, jedenfalls bei den Türken, dass der Leichnam in die alte Heimat übergeführt wurde. Inzwischen aber, so sein Eindruck, lasse sich die Mehrzahl der Berliner Muslime hier beerdigen. In Berlin ist seit langem bekannt, dass ein muslimischer Friedhof gebraucht wird. Nun hat sich die Bürgerplattform Neukölln der Sache angenommen. Die Mitglieder solcher Bürgerplattformen - es gibt inzwischen drei - einigen sich darauf, was die dringendsten Missstände ihres Stadtquartiers seien, und suchen diese im direkten und gleichberechtigten Gespräch mit Behörden und Politikern zu beheben. Mehrere Redner betonten beim gemeinsamen Treffen von „So! Mit uns“, der Plattform aus Berlin-Südost, und „Win“ (Wir in Neukölln), dass allein diese Veranstaltung eine beträchtliche Integrationsleistung darstelle: So viele Muslime sehe man in Köpenick sonst nicht.

          Eine Integrationsleistung ist sicher auch, dass Muslime aller Richtungen in der Bürgerplattform gemeinsam für einen Friedhof kämpfen. Bisher kümmert sich die türkische Religionsbehörde Ditib, die auch die Sehitlik-Moschee betreibt, um den Friedhof am Columbiadamm und um den weit draußen in Gatow, in Berlins Westen.

          Im Integrationsgesetz von 2010 wurde der bislang herrschende Sargzwang auf den Friedhöfen aufgehoben, als Geste an die jüdische und muslimische Bevölkerung, die ihre Toten in Leinentüchern beerdigt. Der Volksentscheid gegen die Randbebauung des Tempelhofer Feldes aber hat im Mai 2014 alle Pläne für die naheliegendste Lösung zunichte gemacht. Denn dort, am Columbiadamm, hinter der großen Sehitlik-Moschee existiert ein muslimischer Friedhof. Aber er könnte schon Ende diesen Jahres belegt sein. Der historische Friedhof von 1866 vor der Moschee ist schon seit Jahrzehnten nicht mehr aktiv. Da am Tempelhofer Feld nach dem Bürgerwillen nichts verändert werden darf, kann der Friedhof nicht erweitert und mit einem Zaun gesichert werden. Nur eine kleine Arrondierung, berichtete Müller auf der Fahrt von der Synagoge zur Moschee, sei möglich.

          Das gute Zusammenleben mit Menschen anderer Religionen hat inzwischen die Region der salbungsvollen Reden verlassen und ist in die Sphäre praktischer Politik eingetreten. Müller, der als Stadtentwicklungssenator zugesagt hatte, sich um Lösungen für einen muslimischen Friedhof zu bemühen, ist Regierender Bürgermeister. Seinem Eindruck nach ist die Sache auf einem guten Weg. Zum Treffen der Bürgerplattformen war der Staatssekretär der Stadtentwicklungsverwaltung nicht gekommen. Doch versicherte der SPD-Abgeordnete Ilkin Özisik der Versammlung, in dieser Frage sei er „unmittelbar betroffen“: „Ich will auch hier begraben werden!“ Özisik sagte zu, dass die Bürgerplattform innerhalb kurzer Zeit einen Termin beim Staatssekretär erhalten werde.

          Geld ist im Überfluss vorhanden

          Die Bürgerplattform Neukölln hat vor geraumer Zeit schon einen als muslimischer Friedhof geeigneten Ort gefunden. Es ist der St.-Jacobi-Friedhof der evangelischen Kirche. Diese hat, wie auch die Stadt Berlin, wesentlich mehr Friedhofsfläche als benötigt. 1,5 Hektar vom alten Friedhof zwischen Hermannstraße und Karl-Marx-Allee könnten daher abgegeben werden. Es könnte ein Waschhaus errichtet werden, die Grabfelder könnten nach Mekka ausgerichtet werden. Doch liegt der Teufel im Detail: Wer kauft oder pachtet die Friedhofsfläche zu welchem Preis, und wer betreibt den Friedhof?

          Die Aufgabe, den Berliner Muslimen endlich die Möglichkeit zu geben, ihre Toten in der Nähe der eigenen Quartiere in der Stadt zu begraben, gehört unbestreitbar zu den „gesamtstädtischen“. Geld ist im Überfluss vorhanden; allein 500 Millionen Euro sollen aus dem neu geschaffenen Sondervermögen für Infrastruktur in den nächsten Monaten ausgegeben werden. Jüdische und muslimische Friedhöfe sind teuer, denn sie sollen Plätze für die Ewigkeit sein, werden also nur einmal vergeben und nicht nach zwanzig oder dreißig Jahren neu, wie in städtischen oder konfessionellen Friedhöfen üblich. Ender Cetin, der Vorsitzende der Sehitlik-Moschee, wies seinen politischen Besuch darauf hin, dass viel miteinander zu besprechen ist, und er wies auf eine Vertreterin der Bürgerplattform Neukölln hin.

          Saleh gehört zu den Betreibern eines Staatsvertrages mit den muslimischen Gemeinden. Er weiß, wie schwierig und langwierig die Verhandlungen sein werden, schließlich gibt es, anders als bei den Juden, keine muslimische Einheitsgemeinde als Verhandlungspartner.

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