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Demonstrierende Asylbewerber : Hungern, bis der Antrag durch ist

Er sei mit deutschen Stromkabeln gefoltert worden

Die Stadt erließ ein Verbot der Selbstverstümmelung, das vom Würzburger Verwaltungsgericht unter Verweis auf die Meinungsfreiheit aufgehoben wurde. Auch in Würzburg führte die Radikalität von Doosthossein und anderen zu einer Distanzierung seitens gemäßigter Unterstützer. Ein Sprecher des bayerischen Flüchtlingsrates etwa bezeichnete das Vernähen der Lippen als „völlig falsches Mittel“. Andere Sympathisanten bezweifeln die Sinnhaftigkeit, wenn Flüchtlinge mühsam den Repressionen in ihren Heimatländern entkommen, um sich dann während der Dauer ihres Asylverfahrens in Deutschland freiwillig in Gefahr zu bringen.

Zu seiner Studentenzeit in Teheran war Doosthossein, der im Gespräch mit marxistischen Theorien hantiert, nach eigenen Angaben Mitglied einer kommunistischen Untergrundorganisation. Er sei von Geheimpolizisten auf dem Universitätsgelände verhaftet und in ein Gefängnis der iranischen Hauptstadt verschleppt worden. Dort hätte das Regime den jungen Politikstudenten über Tage mit Stromschlägen quälen lassen. Bis heute trage er Verbrennungsnarben am ganzen Körper. Vorwurfsvoll sagt Doosthossein, dass es Stromkabel des deutschen Glühbirnenherstellers Osram waren, mit denen er gefoltert wurde.

Nach seiner Flucht in die Türkei, wo er mehrere Jahre gelebt habe, sei er am 1. Mai 2010 am Rande einer Gewerkschaftsdemonstration auf dem Istanbuler Taksim-Platz verhaftet und zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt worden. Doosthossein beantwortet die Frage nicht, was ihm vorgeworfen wurde. Die türkische Polizei berichtete damals von Zusammenstößen mit einzelnen Steinewerfern, während 200.000 Türken friedlich demonstrierten. Während der Haft habe er sich ein von einem Kreis eingerahmtes Maschinengewehr auf den rechten Oberarm tätowieren lassen. „Natürlich beeinflusst diese Lebenserfahrung, diese hoffnungslose Zukunft, in direkter Weise meine Entscheidungen“, sagt Doosthossein.

Mit zwei Protestmärschen durch Bayern wollen Doosthossein, Khorasani und weitere Aktivisten in den kommenden Wochen weitere Flüchtlinge für ihre Aktionen gewinnen. Zwei Gruppen von Aktivisten werden vom 15. August an von Würzburg und Bayreuth nach München wandern, Asylbewerber, die entlang der Strecke in Gemeinschaftsunterkünften leben, sollen sich ihnen anschließen. In ihrem am Montagabend veröffentlichten Aufruf bitten die Aktivisten ihre Unterstützer um Zelte, Schlafsäcke und Lebensmittel.

„Während sie marschieren, werden sie wenigstens gut essen“

Wie bei früheren Protesten soll eine aus mehreren Flüchtlingen bestehende Finanzgruppe die auf ein Konto der Sparkasse Regensburg eingehenden Spenden verwalten. Nach Beschluss der Flüchtlinge darf diese Gruppe nicht die Namen von Spendern veröffentlichen. Unterstützt werden die Flüchtlinge auf ihrem Marsch außerdem von Juristen der Münchner Ortsgruppe der „Roten Hilfe“.

Wenn die Aktivisten Anfang September die Münchner Innenstadt erreichen, könnte es zu ähnlichen Szenen wie schon im Juni kommen. Hans-Jochen Vogel beobachtet die Rückkehr der Aktivisten nach München mit Argwohn. „Wenn Herr Khorasani die Menschen wieder mit der Behauptung mobilisiert, er könne die Bewilligung der Aufenthaltsgenehmigung durchsetzen, dann täuscht er sie“, sagt Vogel. In der Wanderung durch Bayern sieht der ehemalige Politiker gleichwohl etwas Gutes: „Während sie marschieren, werden sie wenigstens gut essen und keinen Hungerstreik machen.“

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