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Demographie : Merkel: Gesellschaft darf nicht auseinanderdriften

Immer mehr Ältere, immer weniger Erwerbstätige: Der demografische Wandel stellt Deutschland vor vielfältige Herausforderungen Bild: dpa

Bundeskanzlerin Merkel hat vor einem Auseinanderdriften der Gesellschaft gewarnt. Der demographische Wandel verdiene allerhöchste Aufmerksamkeit, so die Kanzlerin.

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          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat davor gewarnt, die Auswirkungen des demographischen Wandels in Deutschland zu unterschätzen. „Das Thema verdient allerhöchste Aufmerksamkeit“, sagte sie am Dienstag auf einer Demographie-Tagung im Berliner Kanzleramt. Die Veränderungen kämen schleichend, aber viele praktische Fragen stellten sich neu und anders, weil die Bevölkerung immer älter werde und immer weniger Kinder geboren würden. „Der demographische Wandel wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus, auf Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Kultur“, sagte Frau Merkel. Deshalb habe die Bundesregierung unter Federführung von Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) eine Demographie-Strategie entwickelt, die das Kabinett an diesem Mittwoch beschließen werde. Allerdings könne der Bund diesen Prozess nicht allein gestalten, sondern nur zusammen mit Ländern und Gemeinden, Sozialpartnern, Verbänden und Bürgern. Für Deutschland sei es wichtig, trotz der Alterung Innovationskraft und Dynamik zu behalten. Nur so könne der Wohlstand gesichert werden. Dies sei aber nur zu schaffen, wenn die Gesellschaft nicht auseinanderdrifte. Alte und Junge, Familien und Alleinstehende, Gesunde und Kranke, Einheimische und Zugewanderte, Städte und Dörfer müssten zusammenhalten.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Friedrich sagte, die Veränderung des Bevölkerungsaufbaus müsse man als Faktum voraussetzen. „Jetzt ist die Frage, wie gehen wir damit um. Wollen wir wie das Kaninchen vor der Schlange starr warten, was da auf uns zukommt, oder wollen wir die Chance ergreifen, die in dieser Veränderung liegt.“

          Der Altersaufbau der Bevölkerung wird sich weiter verändern. Bis zum Jahr 2050 wird die Bevölkerung in Deutschland nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes um rund sieben Millionen Menschen auf 75 Millionen schrumpfen. Zugleich wird die Zahl der 65 bis 79 Jahre alten Bewohner bis 2030 um ein Drittel zunehmen und die der Menschen über 80 Jahre wird sich verdoppeln. Derzeit sind rund 16 Millionen Bundesbürger 65 Jahre und älter. Zurzeit gibt es 49,8 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 64 Jahren.

          „Alle müssen sich auf eine ältere und zahlenmäßig kleinere Erwerbsbevölkerung einstellen“: Kanzlerin Merkel in Berlin

          Bis 2030 wird die Zahl dieser Menschen voraussichtlich um 6,3 Millionen sinken. Vor allem die ostdeutschen Länder spüren die Anzeichen des Wandels schon. In ihrem Demographie-Konzept identifiziert die Bundesregierung sechs Handlungsfelder: die Stärkung der Familien, ein längeres Arbeitsleben, ein selbstbestimmtes Leben im Alter, den Zusammenhalt von Stadt und Land, die Sicherung von Wachstum und Wohlstand sowie die Sicherung der Handlungsfähigkeit des Staates – etwa durch eine Begrenzung der Staatsverschuldung. In diesen sechs Feldern werden viele Einzelmaßnahmen genannt, von der Kinderbetreuung über familienfreundliche Arbeitzeiten und eine verstärkte Zuwanderung gegen den Fachkräftemangel, eine verstärkte Gesundheitsvorsorge und Pflege bis hin zum Breitbandausbau im ländlichen Raum. Merkel warb in dem Zusammenhang abermals für die „Rente mit 67“.

          Arbeitszeit und Familienzeit in Gleichgewicht bringen

          Die Familien bezeichnete die Kanzlerin als „natürlichen Ausgangspunkt der Demographiestrategie“, weil dort die Entscheidung über einen Kinderwunsch falle. Ihr sei es wichtig, dass die „Menschen entscheiden können, welches Lebensmodell sie wählen wollen“. Neben dem Betreuungsgeld wolle die Koalition zusammen mit den Ländern die bedarfsgerechte Betreuung von Kindern unter drei Jahren bis August 2013 realisieren. Es gehe immer darum, Arbeitszeit und Familienzeit in ein Gleichgewicht zu bringen – und zwar in allen Lebensphasen. Merkel verwies auf das geplante Instrument der „Großelternzeit“, die einen Beitrag für den Zusammenhalt der Familien leisten könne. Um Lebenszeit besser organisieren zu können, würden Langzeitkonten und Wertguthaben in Tarifverhandlungen eine zunehmende Rolle spielen. Der Haushalt werde als Arbeitgeber immer wichtiger. „Daher müssen wir auch noch etwas für die Verbesserung der haushaltsorientierten Dienstleistungen tun – über die steuerliche Absetzbarkeit hinaus.“

          Im demographischen Wandel sei zudem das „Stadt-Land-Thema“ von besonderer Bedeutung. In den Städten gehe es dabei um die Fragen des Wohnens, auf dem Land um die Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen, sagte Frau Merkel. In ihrer Demographiestrategie setzt die Bundesregierung darauf, den ländlichen Raum vor Abwanderung der Jungen zu bewahren. Ein „Riesenthema“ bleibe die Integration, so die Kanzlerin weiter, „denn wir werden nicht nur weniger und älter, sondern auch vielfältiger“. „Da sind wir vorangekommen, aber es ist auch noch sehr viel zu tun.“ Zuwanderung müsse als Bereicherung begriffen werden, „nicht als Beschwernis“. Um den Wohlstand zu halten, müsse es Fachkräfte geben. Dabei gehe es darum,Talente um eignen Land zu fördern und Zuwanderung zu ermöglichen. Die Quote von 9 Prozent Jugendarbeitslosigkeit sei immer noch zu hoch.

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