https://www.faz.net/-gpf-9e8id

Journalist über Demo in Köthen : „Ich war beeindruckt, wie viele Menschen da waren“

  • Aktualisiert am

Am Sonntag haben sich nach Angaben des Landesinnenministers Holger Stahlknecht etwa 2500 Menschen zu einem Trauermarsch versammelt. Bild: dpa

In Köthen sind am Sonntag zahlreiche Menschen dem Aufruf zu einem Trauermarsch gefolgt. Videos belegen, dass dort rechtsextreme Parolen skandiert wurden. Ein Journalist berichtet, was er vor Ort erlebt hat.

          1 Min.

          Thomas Wieder war am Sonntag als Deutschlandkorrespondent der französischen Zeitung „Le Monde“ während des Trauermarsches in Köthen vor Ort. Auf Twitter berichtete er live von der Veranstaltung und lud auch Videos hoch, die Sprechchöre der Demonstranten wie „National! Sozialismus! Jetzt! Jetzt! Jetzt!“ zeigen.

          Herr Wieder, wie ist Ihr Eindruck aus Köthen?

          Was mich sehr beeindruckt hat, waren die vielen Teilnehmer des Trauermarsches, obwohl Köthen so klein ist. In der Stadt leben 30.000 Einwohner und es demonstrierten mehr als 2000 Menschen. Ich erinnere mich, dass es bei der ersten Demonstration in Chemnitz nur etwa 800 waren – dabei wohnen dort 240.000 Leute.

          Hatten Sie den Eindruck, dass viele Demonstranten extra nach Köthen gefahren sind?

          Ich habe mit Menschen aus den umliegenden Städten gesprochen, einige kamen aus Richtung Chemnitz, einer sogar aus Thüringen. Am Mikrofon war außerdem der Thügida-Chef David Köckert, ein ehemaliges NPD-Mitglied. Aber es waren auch viele aus Köthen in kleinen Gruppen unterwegs, und nicht nur Neonazis. Ich habe vielen die Frage gestellt, warum sie mit den Nazis demonstrieren. Einer sagte: „Ich bin kein Nazi, aber für mich ist es wichtig, zu zeigen, dass auch Nicht-Nazis von den Vorfällen betroffen sind.“

          Wie sind die Menschen Ihnen als Journalisten denn begegnet?

          Es war nicht leicht, aber die Leute waren nicht aggressiv. Sie waren allerdings sehr ablehnend, die meisten haben einfach nichts gesagt. Als Printjournalist bin ich aber eher unauffällig unterwegs und wurde nicht persönlich bedroht. Ein Kollege von Radio France, der ein Mikrofon dabei hatte, musste sich aber einiges anhören. Nur gegen Ende hatte ich ein bisschen Angst.

          Wie haben Sie die Polizei wahrgenommen?

          Die Polizei war sehr präsent, es waren auch einige Beamte aus anderen Bundesländern dabei. Sie waren natürlich angespannt und nicht gesprächig, aber zu mir als Journalisten freundlich.

          Sie waren auch in Chemnitz. Gibt es Unterschiede zu Köthen?

          Das ist schwierig zu sagen, jedenfalls keine großen. Gefühlt waren in Köthen neben den Nazis mehr andere Leute mit dabei. Ich denke, die Leute haben das Gefühl, dass viele Großstadtprobleme jetzt zu ihnen in die Kleinstadt kommen. Das beunruhigt sie.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Angela Merkel auf ihrem wohl letzten EU-Gipfel

          EU-Streit mit Polen : Keine Lösung, aber auch kein Eklat

          Angela Merkel hat in ihren 16 Jahren als Kanzlerin etliche Konflikte auf EU-Gipfeln erlebt. Bei ihrem wohl letzten Auftritt auf europäischem Parkett bringen ihre Vermittlungsversuche im Konflikt mit Polen keine konkreten Fortschritte.
          Atomkraft: Zu Unrecht undiskutabel?

          Energiewende unter der Ampel : Die Atom-Diskussion wagen

          Die Energiewende ist kein einfaches Unterfangen. Die Ampel möchte vermehrt auf erneuerbare Energien setzen, aus Gründen des Klimaschutzes. Eine andere Energiequelle fällt aus der Diskussion.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.